Besprechung Jahrbuch 2008
[963] Auch die sog. Junghegelianer kommen in die Jahre, wie diejenigen, deren 200. Geburtstag
man in diesen Jahren gedenken kann, angefangen mit ihrem ›Schulhaupt‹ Arnold Ruge (1802-
1880) über Ludwig Feuerbach (1804-1872) und Max Stirner (1806-1856, hier auch der 150.
Todestag) bis hin zu Bruno Bauer (1809-1882), den noch zu Lebzeiten Nietzsche bereits [964] einen ›alten Hegelianer‹ genannt hatte. Sicher ist die Praxis derartiger Hundertjahrfeiern nicht
problemlos, z.B. wenn intellektuelle Hagiographien oder nationalistische Ideologiepolitik im
Spiel sind. Doch können sie für die Forschung Anlässe bieten, neue Quellen oder kritische
Gesamtausgaben zu präsentieren oder neue Interpretationen vorzuschlagen. Nichts hiervon
kann oder will der vorliegende Band mit Beiträgen zu einer Tagung anlässlich des 200.
Geburtstages von Stirner (2006); statt dessen soll es darum gehen, Fragen unter der Überschrift
›Moderne versus Postmoderne‹ zu diskutieren, »die sehr viel älter und grundsätzlicher sind«, als die unter Lyotards Schlagwort vom ›postmodernen Wissen‹ diskutierten, von denen heute kaum noch die Rede sei (9). Mit anderen Worten: Es geht um den Versuch der Aktualisierung
eines Intellektuellen, von dem nun seinerseits heute kaum noch die Rede ist. Das hat in den meisten Fällen etwas Gezwungenes oder sogar Verzweifeltes an sich. Gezwungen wirkt eine Aktualisierung dann, wenn etwa die Bedeutung Stirners dadurch herausgehoben werden soll, dass er mit gegenwärtigen Positionen kompatibel oder sogar besser als sie sei, wozu kein eigentlicher Vergleich angestellt, sondern nur ein permanentes, auf Stichworte reduziertes name-dropping angeboten wird, wie A. Honneth, P. Feyerabend oder Habermas-Adorno-Horkheimer u.v.m. Selbst die Beiträge, in denen die Aktualisierung durch tatsächliche Werkvergleiche erprobt wird nach dem Motto ›Stirner und ...‹ – nämlich im Vergleich mit Rorty (G.-L. Lueken), de Sade (B. Kramer, M. Schumann) und Kafka (N. Psarros) – scheinen mehr der Verzweiflung geschuldet zu sein, sich endlich auch mal mit etwas anderem als nur mit Stirner zu beschäftigen.
Demgegenüber verdienen zwei Aufsätze Beachtung, und zwar der von einem der einschlägigen Altmeister der Stirner- und Junghegelianer-Forschung, dem Freiburger Soziologen W. Eßbach (»Auf Nichts gestellt. Max Stirner und Hellmuth Plessner«, 57-78) sowie der von F. Andolfi (»Stirners Einfluss auf und Kritik an Ludwig Feuerbach«, 41-56), die beide auch die Person Stirners tangieren: Dieser studierte Philosophie, u.a. ab 1828 zwei Jahre lang bei Hegel. 1835 bestand er sein Lehrerexamen; den Beruf übte er mit Unterbrechungen in Berlin aus, bevor er dann aktiv an der Rheinischen und der Leipziger Allgemeinen Zeitung mitarbeitete, 1843 Marie Dähnhardt heiratete, in wirtschaftliche Not geriet, geschieden wurde und total verarmt starb. Sein sog. Hauptwerk ist Der Einzige und sein Eigentum (1844). – Stirner einen »verfemten Intellektuellen« (58) nennend, setzt Eßbach hier seine in den 1970er Jahren begonnenen und über Jahrzehnte auch historiographisch grundlegend ausgearbeiteten Stirner-Studien fort. Er weiß wenigstens von den Ambivalenzen jeglicher Stirner-Lektüre, wenn er sich – wie in seiner Junghegelianer-Studie (1988) – wieder mit dem Instrument einer »Soziologie von Intellektuellengruppen« (59) diesmal nicht den Vormärz-Intellektuellen und Stirner direkt zuwendet, sondern sich auf eine »Spurensuche« (ebd.) nach der Stirner-Rezeption in den intellektuellen ›Netzwerken‹ der Zwischenkriegszeit begibt, im Max-Weber-Kreis, bei Löwith, Heidegger, Scheler und zentral bei Plessner (60-63). Im zweiten Teil seines Beitrags befragt er »Plessners Umgang mit den Nennungen Stirners« (58, 64-69), um abschließend Stirners Anteil an der Erneuerung der Anthropologie bei Plessner zu bestimmen (69-75). Da das Untersuchungsgebiet komplex ist, reichte der Platz nicht, um tatsächlich historisch und systematisch bei dieser Gruppe sowohl die Stirner-Rezeption en detail, als auch in toto den »intellektuellen Austausch untereinander und ihre Konkurrenz auf dem Gebiet des Geistigen ans Licht« (59) zu bringen und schließlich dabei auch noch die plessnersche Anthropologie zu rekonstruieren. Dennoch beleuchten solche Mosaiksteine, wie sie Eßbach vorträgt, die Chancen ideengeschichtlicher Forschung.
Zurück in die junghegelianischen Vormärzquerelen führt Ferruccios Stirner-Feuerbach-Abgleich. Im Zentrum stehen Beiträge in der Wigandschen Vierteljahrsschrift von 1845, in denen sich Feuerbach mit der Kritik Stirners auseinandersetzt und Stirner darauf repliziert. Gegenstand der Kontroverse war das intellektuelle ›Erstgeburtsrecht‹ für einen radikalen Individualismus als Kritik des Humanismus. Was diesen Beitrag auszeichnet, ist Ferruccios [965] Äquidistanz zu den beiden Kontrahenten, indem er danach fragt, inwieweit die Position des jeweils anderen trotz der extremen Gegensätze integriert werden kann, um daraus dann einen gemeinsamen zeithistorischen Theoriediskurs zu rekonstruieren (vgl. 41).
Grundbefindlichkeiten des Menschen, Anthropologie, Ich, Individualismus etc. – darum geht es gewissermaßen ›stirner-spezifisch‹ hauptsächlich in diesem Band, dessen zahlreiche ›Nachweise‹, wie Stirner den Postmodernen entspreche oder ihnen sogar »vorgreife« (12), die Herausgeber in bewusstlosem Selbstwiderspruch zeigen, nachdem sie die Postmoderne für kaum mehr der Rede wert erklärt haben. Lars Lambrecht (Hamburg)
Quelle:
DAS ARGUMENT, 284/2009, S. 963-965. |