Max Stirner
Gegründet am 22. Juni 2002 in Hummeltal bei Bayreuth
Karsten Krampitz Zurück - Startseite

Der erste Punk. Der Junghegelianer und Antiphilosoph Max Stirner verstört und provoziert bis heute

Einen Verriß zur neuen Stirner-Literatur zu schreiben, ist keine Kunst: Manche seiner Epigonen scheinen irgendwie die Ketten im Keller zu haben. So hat unlängst Maurice Schuhmann, der Vorsitzende der Stirner-Gesellschaft, im anarchistischen Karin Kramer Verlag eine Studie vorgelegt zum Freiheitsbegriff bei Stirner und de Sade – der eine rechtfertigt den Mord, der andere propagiert Gewalt. Und auf der Internetseite des Max-Stirner-Archivs hieß es, sie werde von Wikipedia boykottiert. Ja, und? Stirner selbst würde erst mal die Existenz von Wikipedia bestreiten. Wikipedia wäre nur eine „fixe Idee“, ein „Spuk“ und „Sparren“. Und sind wir nicht alle ein bißchen Wikipedia? Exakt.

Schon Marx und Engels lästerten in der „Deutschen Ideologie“ zur Jahreswende 1845/46: „Eigentlich müßten wir hier mit den Negern beginnen“, aber der „heilige Max“ bringe in seiner unerforschlichen Weisheit die Neger erst später. Und tatsächlich, in Stirners Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“, das sich allein in Deutschland weit über 200.000 Mal verkauft hat, finden sich etliche abstruse Gedanken. Etwa über „unsere angeborene Negerhaftigkeit“, oder wenn er resümiert: „Das Verbessern und Reformieren ist das Mongolentum des Kaukasiers“. Auf jeden Fall beflügelt Stirner die Phantasie, denn angeblich haben seine Ideen, so der Adorno-Schüler Hans G Helms, sogar Einzug in präfaschistische Zirkel gefunden. Ausgerechnet Max Stirner, alias Johann Caspar Schmidt, von dem wir lesen: „Deutsches Volk und deutsche Völker haben eine Geschichte von tausend Jahren hinter sich: Welch langes Leben! Geht denn ein zur Ruhe, zum Nimmerauferstehen, auf daß Alle frei werden, die Ihr solange in Fesseln hieltet. – Tot ist das Volk. – Wohlauf Ich!“

Das klingt nach einem guten Trinkspruch. Und kein Geringerer als Friedrich Engels, also der erste Marxist überhaupt, wußte die Gesellschaft Stirners im Kreis der „Berliner Freien“ doch lange Zeit zu schätzen; das einzige erhalten gebliebene Stirner-Bildnis ist Engels’ Kneipenskizze. Er riet Marx sogar, leider ohne Erfolg, einige der Thesen seines Saufkumpanen in die noch zu schaffende Weltanschauung aufzunehmen – eine Art Egoismus mit menschlichem Antlitz: „Was soll nicht alles Meine Sache sein!“ Die Sache Gottes, der Freiheit, des Vaterlandes usw. „Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.“ Und so erteilt Stirner allen politischen und religiösen Institutionen erst mal eine Absage. Fordert Feuerbach noch die Emanzipation des Menschen von Gott, will Stirner dem „Jenseits in Uns“ zu Leibe rücken. Wenn der Mensch imstande ist, seinen eigenen Willen von dem ihm aufgezwungenen zu trennen, wird er frei sein. In einer Welt, in der wirklich jeder zuerst an sich denkt, ist Unterdrückung unmöglich – die Unterdrückten würden sich sofort wehren.

Dieser Denker besitze, wie Die Zeit vor nunmehr vier Jahrzehnten bemerkte, einige der wichtigsten Voraussetzungen für ein „philosophisches Originalgenie“: schöpferische Laune, Bibelkenntnisse etymologische Neigungen und sybillinische Gedankengänge. Sein türkischer Übersetzer, Ibrahim Türkdogan, ergänzt, Stirner begreife den Menschen nicht als ein leeres Gefäß, das noch gefüllt werden muß, „sondern als ein von Natur aus vollendetes und schöpferisches Wesen, das imstande ist, sich ohne jeglichen Imperativ zu entwickeln“. Türkdogans und andere interessante Aufsätze finden sich in dem von Jochen Knoblauch und Peter Peterson jetzt neu aufgelegten Band „Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt“. Dann schreibt Uwe Timm über den Autor des „Einzigen“: Dieser werde immer ein Ärgernis bleiben für alle, „die fortwährend ihr eigenes Ich hinter einem ,Wir‘ verbergen“, um von diesem Wir dann recht gut zu leben.

Seine radikale Forderung nach individueller Autonomie ließ ihn zu einem Vorläufer des Existentialismus und zu einem der Stammväter des Anarchismus werden. „Der Einzige und sein Eigentum“ ist freilich kein in sich geschlossenes Gedankenmodell, keine philosophische Wegbeschreibung in die Freiheit – aber ein guter Kompaß: Das Subjekt bin ich, und jede Verbesserung der Welt fängt bei mir an.

Bei sich anfangen sollten schon mal die Herausgeber des Jahrbuchs der Max-Stirner-Gesellschaft. Denn anders als der von Knoblauch/Peterson herausgegebene Sammelband ist „Der Einzige 2008“ schlicht unlesbar. Mit akademischer Prominenz (u. a. Wölf-Dieter Narr) wird versucht, den bislang fehlenden wissenschaftlichen Diskurs zu diesem Junghegelianer nachzuholen. Herausgekommen ist ein intellektuelles Buch, aber kein intelligentes. Philosophen schreiben für Philosophen. Verglichen mit dem Gegenstand der Aus-einandersetzung – irgendwie war Stirner der erste Punk – spielen die Autoren im Jahrbuch nur Luftgitarre. Der Versuch, seine Gedankenwelt in die Gegenwart zu transformieren, wird gar nicht erst unternommen. So sieht Geert-Lueke Lueken in ihm zwar vordergründig einen Sprachkritiker, der sich jeglicher Ideologie verweigert, aber Lueken interpretiert eben nur die Interpretation. Dabei wäre gerade heute eine Sprachkritik ä la Max Stirner nötiger denn je; hat sich doch das „Jenseits in Uns“ – weiß Gott – verweltlicht. Seien es nun der aus den Medien verinnerlichte Jugendwahn und Körperkult; sei es die Ökonomisierung Unserer Sprache ä la „Wir sind gut aufgestellt!“ oder auch nur die Phrasendrescherei weiter Teile der Linken, die noch immer ihr irdisches Paradies braucht. Wobei der Staat, an den so unerschütterlich geglaubt wird, hin und wieder wechselt: Waren es früher die Sowjetunion oder China und Albanien, ist es heute Kuba und bei manchen sogar die DDR. Für Stirner waren solche Glaubensbekenntnisse nur fixe Ideen: „Unsere Atheisten sind fromme Leute.“ In diesem Sinne meint Jahrbuch-Autor Frank C. Hansel, Stirner gehe zum Generalangriff über „auf die abendländische Ideo-Logik“. Und Achtung! Jetzt kommt‘s: „In der Tat entspricht die Dimension des derzeitigen Utopieverlustes dem, was seinerzeit Friedrich Nietzsche im Gefolge des Todes Gottes in der Form des Nihilismus heraufkommen sah.“ Und genau darüber sollten wir reden; die Kirche macht ja auch ohne Gott weiter.

Quelle: junge Welt, Donnerstag, 12. März 2009, Nr. 60, S. 9.