Max
Stirners Existenzialismus – Die Enterbung des Anarchismus?
Giorgio Penzo „Die existentielle Empörung. Max Stirner
zwischen Philosophie und Anarchie“ (Peter Lang, Europäischer
Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u.a. 2006). Im
April diesen Jahres erschien beim renommierten Wissenschaftsverlag
Peter Lang die Studie „Die existentielle Empörung. Max
Stirner zwischen Philosophie und Anarchie“ des kürzlich
verstorbenen italienischen Philosophieprofessors Giorgio Penzo.
Seine bereits 1971 erstmals veröffentlichte – und 1980
neuaufgelegte – Studie prägt(e) maßgeblich die
akademische Rezeption des Philosophen und Individualisten Max Stirner
in Italien. Unter seiner Schirmherrschaft fand im Mai auch noch
die Tagung „Il Nichilismo di Max Stirner e la legge umana
e divina“ im Istituto Italiano per gli Studi Filosofici (IISF)
anläßlich des 200. Geburtstages und 150. Todestages statt.
Während in Deutschland die Auseinandersetzung mit Stirners
Philosophie in akademischen Kreisen immer noch ein Randphänomenen
darstellt, existiert in Italien seit mehreren Jahren eine lebendige,
außerhalb Italiens wenig wahrgenommenen Auseinandersetzung
mit dessen Philosophie. Einer der wichtigsten Protagonisten in diesem
Bereich war bislang Giorgio Penzo, der an der Universität Padova
Philosophiegeschichte lehrte.
Die Aktualität Max Stirners verortete Girgio Penzo in dessen
Nihilismus. „Keinem Denker ist es gelungen, Stirners Nihilismus
in seiner Radikalität zu überbieten. Auch Nietzsche nicht.“
(S. 11f.). Diesem Gedankengang folgend nennt er im Vorwort zur deutschen
Ausgabe als von Stirners Philosophie profitierende Sphären
die Philosophie, die Pädagogik und die Ästhetik. Für
alle gilt, was er im Schlußsatz seines Vorwortes formulierte:
„Stirners Aktualität zeigt sich so in einer neuen Grundlage,
die nicht, die des Seins, sondern die des Nichts ist“ (S.
14). Jenes „Nichts“ am Horizont eröffnet für
Stirner die Dimension der Selbstbestimmung des Individuums.
Er verwehrt sich gegen eine rein anarchistische Vereinnahmung Max
Stirners, in der er eine Verkürzung von dessen Philosophie
witterte. Geprägt durch seine intensive Auseinandersetzung
mit der Philosophie Martin Heideggers tendierte er zu einer existenzialistischen
Lesart Stirners. Im Vorwort der ersten Auflage der Untersuchung,
die ein Ergebnis eines wissenschaftlichen Kolloquiums an der Universität
Padova ist, umriß Penzo das von ihm gewählte Untersuchungsverfahren
mit den Worten: „Unter Berücksichtigung der intelligenten
kritischen Überlegungen Bubers und Camus werde ich so die wesentlichen
Momente der Stirnerschen Problematik beleuchten, um schließlich
den grundlegenden Kern freizulegen, der seiner Philosophie Einheit
und Kohärenz verleiht. Meiner Meinung nach kann dieser grundlegende
Kern synthetisch unter dem negativen Gesichtspunkt als existenzialistische
Dialektik erhellt werden, die sich von der Ebene des uneigentlichen
Ich als Geist zur eigentlichen Ebene des Ich als Ego bewegt,
sowie unter dem positiven Gesichtspunkt der Dimension der Empörung“
(S. 23). Ausgehend von der These untersuchte Penzo die Philosophie
Max Stirners anhand von Stirners Hauptwerk „Der Einzige und
sein Eigentum“ und vereinzelt auch die kleineren Texten, die
häufig in der Forschung unberücksichtigt bleiben. Im Fokus
steht dabei die Subjekt-Objekt-Beziehung, die sich auch im Titel
des Stirnerschen Hauptwerkes wiederfindet. „Der Einzige
ist die Dimension des Ich als Ego, das sich dem Moment
des Geistes widersetzt; d.h. er entspricht jenem Faktor, der in
der Dialektik der Subjekt-Objekt-Beziehung stets ohne Objekt bleibt.
Der Einzige meint dann die absolute Freiheit: jenes Moment
des Existierens, das nichts über sich kennt, nichts Fremdes,
d.h. Heiliges, sondern nur das anerkennt, was unter ihm, d.h. ihm
eigen ist; hierher rührt die innere Affinität der beiden
Begriffe: Einziger und Eigentum“ (S. 36).
Im weiteren Verlauf des ersten Teils der Untersuchung stellt er
pointiert die unterschiedlichen Rezeptionslinien Stirners dar, die
er grob in die Kategorien „Die ideologische Auslegung“
und „Die philosophische Auslegung“ einteilt. Unter die
erst genannte Rezeptionslinie faßt er sowohl die anarchistische
als auch die von Hans G. Helms wieder belebte marxistische Kritik.
Bezüglich einer Einordnung Stirners in den Anarchismus erklärt
er: „Meiner Meinung stimmt jedoch die Behauptung, Stirner
sein ein Anarchist, nur unter einer Bedingung, nämlich dann,
wenn man diesen Begriff von der negativen Konnotation reinigt, den
er in verschiedenen geschichtspolitischen Bezügen erhält
und versucht vor allem seine positive Bedeutung herauszuarbeiten.
In diesem Sinne wird der Terminus Anarchist zum Synonym von Individualist“
(S. 59). Hierbei beweist er ebenso wie bei dem darauffolgenden Abschnitt
über „die philosophische Auslegung“ einen weitgefächerten
Überblick über die Thematik, wobei ihm nicht der Blick
vom Wesentlichen abweicht. Nebenstränge der Stirnerrezeption
wie z.B. den der deutschen Sozialdemokratie, deren Vertreter um
1900 auf ihn aufmerksam wurden, klammert er dabei aus.
Den Abschnitt über die philosophische Rezeption unterteilt
er in einen chronologischen Abriß und einen eigenen Abschnitt
über die existenzialistische Rezeption. Bei dem ansonsten sehr
informativen chronologischen Abschnitt klammert Penzo – ohne
dies zu begründen oder zu thematisieren – den Zusammenhang
von der ersten Stirnerrenaissance im Zuge der intensiven Auseinandersetzung
mit der Philosophie Friedrich Nietzsches völlig aus. Anhand
des Vergleichs von Stirner mit dem Werk anderer Junghegelianer,
wobei wiederum der Auseinandersetzung zwischen ihm und den beiden
Vertretern des wissenschaftlichen Kommunismus – Karl Marx
und Friedrich Engels – eine längere Passage gewidmet
ist, versucht Penzo die Aktualität der Stirnerschen Philosophie
zu belegen.
Im weiteren Verlauf seiner Untersuchung präsentiert er eine
existenzialistische Lesart der Stirnerschen Philosophie und greift
auf den 1936 von Martin Buber verfaßten Essay „Die Frage
an den Einzelnen“ zurück, dessen Auseinandersetzung anhand
einer Konfrontation Stirners mit Kierkegaard verläuft. Bereits
Albert Camus hatte 1951 in „L’homme revolté“
(Der Mensch in der Revolte“) auf den existenzialistischen
Charakter Stirners aufmerksam gemacht – wie auch H. Avron
in der von Jean-Paul Sartre mitherausgegebenen Zeitschrift „Les
temps modernes“ im selben Jahr mit einem Beitrag unter dem
Titel „Une polémique inconnue: Marx et Stirner“
- und auf den existenziellen Gehalt seines Begriffes der Empörung
verwiesen. Penzo folgt dieser Überlegung und präsentiert
vor dem Kontrast der Philosophie Friedrich Nietzsches und Martin
Heideggers seine existenzialistische Lesart Stirners. In den Fokus
rückt hierbei der Begriff des Nihilismus, der essentiell für
das Werk Stirners ist. Rückgreifend auf eine Passage aus Goethes
Jugendgedicht „Varitas!“ stellt Stirner in seinem Hauptwerk
„Der Einzige und sein Eigentum“ seien Überlegungen
die Worte: „Ich hab‘ Meine Sach‘ auf Nichts gestellt“
voran, womit er sein Werk auch ausklingen läßt. „Stirners
Nihilismus ist nichts anderes als ein mit erbarmungsloser Logik
bis zu seinen letzten Konsequenzen hin durchgeführtes Denken“
(S. 15).
Der zweite Abschnitt seiner Untersuchung - „Ontologisch-existenzielle
Dimension des Egoismus“ - widmet sich der Interpretation Stirners
Philosophie des Seins unter permanenten Rückgriff auf die Philosophie
Martin Heideggers. Im Zuge der Bestimmung des Seins bei Stirner
rollt Penzo die Philosophie Stirners auf. Seine Interpretation läuft
auf die Erkenntnis heraus, daß die „Macht die ontologische
Dimension der Freiheit ist“ (S. 158). Basierend auf diesem
Ergebnis widmet er sich der existenziellen Dimension des Egoismus.
Die Bedeutung, die Penzo der existenziellen Dimension des Stirnerschen
Egoismus beimißt, lautet: „Stirners besonderer Beitrag
zur Frage der Universalien könnte darin gesehen werden, daß
er Realismus und Nominalismus durch den Egoismus überwindet.
Hier verliert die Idee nicht nur jede objektive Basis, die sie im
Realismus besaß. Sie wird auch zu einem reinen Hirngespinst
herabgewürdigt. Auch der menschliche Geist, der die Ideen hervorbringt,
sowie der göttliche Geist, der mutmaßliche Schöpfer
der ganzen geistigen Welt, werden als Spuk angesehen“ (S.
163). Hierbei spielt die Thematik des Tod Gottes, die er anhand
eines Vergleiches der Bedeutung der Metaphorik angewendet auf Stirner
und Nietzsche, eine besondere Rolle. Bei Stirner sei dies der „Triumph
über die christliche Seinskonzeption“ (S. 171).
Der dritte Abschnitt seiner Untersuchung – „Egoismus
und Verein“ - widmet sich sowohl der dialektischen Methode
Stirners, die dieser bei der Herleitung des Eigners benutzt, als
auch der sozialen (häufig übersehenden) Komponente seiner
Philosophie. Dem ersten Teil von Stirners Einzigen folgend, untersucht
er die Darstellung der Menschheits- und Geistesgeschichte in Form
der Triaden – ein Bild, das er von Hegel übernahm. „Stirner
bleibt dem System Hegels und natürlich auch seiner eigenen
Liebe zum typisch idealistischen System treu, wenn er sein Verständnis
vom Sein als Egoismus als letzte Synthese und endgültigen Ausdruck
einer sich als These, Antithese und Synthese entwickelnden existentialistischen
Dialektik darstellt“ (S. 203). Um die soziale Komponente Stirners
darzulegen, greift Penzo auf eine Reihe von unterschiedlichen Facetten
seiner Philosophie – z.B. die Kategorie „Recht“,
Staat, Gesellschaft – zurück, die er wiederum in Beziehung
zum Einzigen setzt. Im Zuge dessen konkretisiert Penzo den von Stirner
positiv besetzten Begriff der Empörung, den er deutlich vom
Begriff der Revolution unterscheidet. Jene Unterscheidung von Revolte
und Revolution und die Fokussierung Stirners auf die Empörung
führt Penzo als Beweis an, daß die anarchistische Deutung
Stirners falsch sei. Für Penzo zeigt sich darin eine deutliche
Differenz zwischen den Theorien des Anarchismus, die den Fokus auf
die Revolution legen.
Abschließend thematisiert er die werkimmanente Kritik an Stirners
Philosophie, in dessen Zuge er ein Fazit des zuvor dargestellten
Forschungsprojektes zieht. Dieser, im Vergleich zu den vorangegangenen
Kapiteln nur kurz ausgefallene Beitrag, versucht er anhand einzelner
Passagen aus Stirners Einzigem zu belegen, daß er sich nicht
vollständig von der Transzendenz löst. „[Es] ist
festzustellen, daß eine existentialistische Dialektik zwischen
Eigentlichem und Uneigentlichem allein schon deswegen auch weiterhin
vorhanden ist, weil Stirner sich klar einem Werthorizont gegenübersieht,
den er ständig bekämpfen und folglich überwinden
muß. Das bedeutet aber, daß die Transzendenz gerade
in diesem Streben liegt, alle insgesamt als „Geist“
bezeichneten Werte des abendländischen Denkens zu überwinden.
Eben diese Transzendenz zwischen Geist und Ich konstituiert, meiner
Meinung nach das oben dargelegte Seinsverständnis unseres Philosophen“
(S. 286). Basis ist hierfür vorrangig – unter Berücksichtigung
Nietzsches – die Frage nach der „Umwertung der Werte“
bzw. nach den Werten an sich, die nicht in Frage gestellt werden,
– sondern nur Umdeutung vom Objektiven zum Subjektiven unterzogen
werden.
Sein Fazit der Untersuchung, dem roten Faden des Stirnerschen Nihilismus
folgend, lautet: „[F]ührt man Stirners Dialektik bis
zu ihren letzten Konsequenzen hin durch, logisch zu einem absoluten
Nihilismus gelangt. Wir haben zudem in Stirners Dialektik selbst
einen Sprung festgestellt, bei dem das idealistische Moment im Ich
als Ego wieder auftaucht. So führt die Thematik von Stirners
Einzigen entweder zu einem leeren Nihilismus oder zu einem abstrakten
Idealismus“ (S. 288).
Trotz des Alters der sehr stringenten Untersuchung bietet sie für
den deutschen Diskurs über die Philosophie Max Stirners neue
Impulse. Die von Penzo gewählte, existenzialistische Auslegung
der Philosophie ist zwar längst keine unbekannte mehr, dennoch
fehlte bislang eine Untersuchung, die diese Methode konsequent auf
die unterschiedlichen Ebenen der Philosophie Stirners anwendet im
deutschsprachigen Raum. Die Gegenüberstellung der existenziellen
und der anarchistischen Lesart Stirners und die daraus gezogenen
Schlüsse weisen allerdings einige Schwachstellen auf. Die Darstellung
des Anarchismus verläuft bei ihm auf einer sehr undifferenzierten,
die Differenzen der unterschiedlichen Strömungen des Anarchismus
ignorierenden Darstellung hinaus. Er verharrt bei diesem Vergleich
in vielen Hinsichten bei einer oberflächlichen Betrachtung
und ignoriert fast vollständig die individualanarchistische
Tradition zugunsten der kollektivistischkommunistischen Traditionslinie.
Ebenfalls zu kritisieren ist, daß es seit der ersten Ausgabe
zu keiner Aktualisierung des Forschungsstandes kam, der fast komplett
den angelsächsischen Diskurs ignoriert. Seit der Erstveröffentlichung
sind zwar nicht mehr als eine handvoll bedeutende, neuere Arbeiten
entstanden, aber diese hätten ihren Platz in der Untersuchung
verdient. |