Max Stirner
Gegründet am 22. Juni 2002 in Hummeltal bei Bayreuth
Maurice Schuhmann Zurück - Startseite
Max Stirners Existenzialismus – Die Enterbung des Anarchismus?
Giorgio Penzo „Die existentielle Empörung. Max Stirner zwischen Philosophie und Anarchie“ (Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u.a. 2006).

Im April diesen Jahres erschien beim renommierten Wissenschaftsverlag Peter Lang die Studie „Die existentielle Empörung. Max Stirner zwischen Philosophie und Anarchie“ des kürzlich verstorbenen italienischen Philosophieprofessors Giorgio Penzo. Seine bereits 1971 erstmals veröffentlichte – und 1980 neuaufgelegte – Studie prägt(e) maßgeblich die akademische Rezeption des Philosophen und Individualisten Max Stirner in Italien. Unter seiner Schirmherrschaft fand im Mai auch noch die Tagung „Il Nichilismo di Max Stirner e la legge umana e divina“ im Istituto Italiano per gli Studi Filosofici (IISF) anläßlich des 200. Geburtstages und 150. Todestages statt. Während in Deutschland die Auseinandersetzung mit Stirners Philosophie in akademischen Kreisen immer noch ein Randphänomenen darstellt, existiert in Italien seit mehreren Jahren eine lebendige, außerhalb Italiens wenig wahrgenommenen Auseinandersetzung mit dessen Philosophie. Einer der wichtigsten Protagonisten in diesem Bereich war bislang Giorgio Penzo, der an der Universität Padova Philosophiegeschichte lehrte.
Die Aktualität Max Stirners verortete Girgio Penzo in dessen Nihilismus. „Keinem Denker ist es gelungen, Stirners Nihilismus in seiner Radikalität zu überbieten. Auch Nietzsche nicht.“ (S. 11f.). Diesem Gedankengang folgend nennt er im Vorwort zur deutschen Ausgabe als von Stirners Philosophie profitierende Sphären die Philosophie, die Pädagogik und die Ästhetik. Für alle gilt, was er im Schlußsatz seines Vorwortes formulierte: „Stirners Aktualität zeigt sich so in einer neuen Grundlage, die nicht, die des Seins, sondern die des Nichts ist“ (S. 14). Jenes „Nichts“ am Horizont eröffnet für Stirner die Dimension der Selbstbestimmung des Individuums.
Er verwehrt sich gegen eine rein anarchistische Vereinnahmung Max Stirners, in der er eine Verkürzung von dessen Philosophie witterte. Geprägt durch seine intensive Auseinandersetzung mit der Philosophie Martin Heideggers tendierte er zu einer existenzialistischen Lesart Stirners. Im Vorwort der ersten Auflage der Untersuchung, die ein Ergebnis eines wissenschaftlichen Kolloquiums an der Universität Padova ist, umriß Penzo das von ihm gewählte Untersuchungsverfahren mit den Worten: „Unter Berücksichtigung der intelligenten kritischen Überlegungen Bubers und Camus werde ich so die wesentlichen Momente der Stirnerschen Problematik beleuchten, um schließlich den grundlegenden Kern freizulegen, der seiner Philosophie Einheit und Kohärenz verleiht. Meiner Meinung nach kann dieser grundlegende Kern synthetisch unter dem negativen Gesichtspunkt als existenzialistische Dialektik erhellt werden, die sich von der Ebene des uneigentlichen Ich als Geist zur eigentlichen Ebene des Ich als Ego bewegt, sowie unter dem positiven Gesichtspunkt der Dimension der Empörung“ (S. 23). Ausgehend von der These untersuchte Penzo die Philosophie Max Stirners anhand von Stirners Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ und vereinzelt auch die kleineren Texten, die häufig in der Forschung unberücksichtigt bleiben. Im Fokus steht dabei die Subjekt-Objekt-Beziehung, die sich auch im Titel des Stirnerschen Hauptwerkes wiederfindet. „Der Einzige ist die Dimension des Ich als Ego, das sich dem Moment des Geistes widersetzt; d.h. er entspricht jenem Faktor, der in der Dialektik der Subjekt-Objekt-Beziehung stets ohne Objekt bleibt. Der Einzige meint dann die absolute Freiheit: jenes Moment des Existierens, das nichts über sich kennt, nichts Fremdes, d.h. Heiliges, sondern nur das anerkennt, was unter ihm, d.h. ihm eigen ist; hierher rührt die innere Affinität der beiden Begriffe: Einziger und Eigentum“ (S. 36).
Im weiteren Verlauf des ersten Teils der Untersuchung stellt er pointiert die unterschiedlichen Rezeptionslinien Stirners dar, die er grob in die Kategorien „Die ideologische Auslegung“ und „Die philosophische Auslegung“ einteilt. Unter die erst genannte Rezeptionslinie faßt er sowohl die anarchistische als auch die von Hans G. Helms wieder belebte marxistische Kritik. Bezüglich einer Einordnung Stirners in den Anarchismus erklärt er: „Meiner Meinung stimmt jedoch die Behauptung, Stirner sein ein Anarchist, nur unter einer Bedingung, nämlich dann, wenn man diesen Begriff von der negativen Konnotation reinigt, den er in verschiedenen geschichtspolitischen Bezügen erhält und versucht vor allem seine positive Bedeutung herauszuarbeiten. In diesem Sinne wird der Terminus Anarchist zum Synonym von Individualist“ (S. 59). Hierbei beweist er ebenso wie bei dem darauffolgenden Abschnitt über „die philosophische Auslegung“ einen weitgefächerten Überblick über die Thematik, wobei ihm nicht der Blick vom Wesentlichen abweicht. Nebenstränge der Stirnerrezeption wie z.B. den der deutschen Sozialdemokratie, deren Vertreter um 1900 auf ihn aufmerksam wurden, klammert er dabei aus.
Den Abschnitt über die philosophische Rezeption unterteilt er in einen chronologischen Abriß und einen eigenen Abschnitt über die existenzialistische Rezeption. Bei dem ansonsten sehr informativen chronologischen Abschnitt klammert Penzo – ohne dies zu begründen oder zu thematisieren – den Zusammenhang von der ersten Stirnerrenaissance im Zuge der intensiven Auseinandersetzung mit der Philosophie Friedrich Nietzsches völlig aus. Anhand des Vergleichs von Stirner mit dem Werk anderer Junghegelianer, wobei wiederum der Auseinandersetzung zwischen ihm und den beiden Vertretern des wissenschaftlichen Kommunismus – Karl Marx und Friedrich Engels – eine längere Passage gewidmet ist, versucht Penzo die Aktualität der Stirnerschen Philosophie zu belegen.
Im weiteren Verlauf seiner Untersuchung präsentiert er eine existenzialistische Lesart der Stirnerschen Philosophie und greift auf den 1936 von Martin Buber verfaßten Essay „Die Frage an den Einzelnen“ zurück, dessen Auseinandersetzung anhand einer Konfrontation Stirners mit Kierkegaard verläuft. Bereits Albert Camus hatte 1951 in „L’homme revolté“ (Der Mensch in der Revolte“) auf den existenzialistischen Charakter Stirners aufmerksam gemacht – wie auch H. Avron in der von Jean-Paul Sartre mitherausgegebenen Zeitschrift „Les temps modernes“ im selben Jahr mit einem Beitrag unter dem Titel „Une polémique inconnue: Marx et Stirner“ - und auf den existenziellen Gehalt seines Begriffes der Empörung verwiesen. Penzo folgt dieser Überlegung und präsentiert vor dem Kontrast der Philosophie Friedrich Nietzsches und Martin Heideggers seine existenzialistische Lesart Stirners. In den Fokus rückt hierbei der Begriff des Nihilismus, der essentiell für das Werk Stirners ist. Rückgreifend auf eine Passage aus Goethes Jugendgedicht „Varitas!“ stellt Stirner in seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ seien Überlegungen die Worte: „Ich hab‘ Meine Sach‘ auf Nichts gestellt“ voran, womit er sein Werk auch ausklingen läßt. „Stirners Nihilismus ist nichts anderes als ein mit erbarmungsloser Logik bis zu seinen letzten Konsequenzen hin durchgeführtes Denken“ (S. 15).
Der zweite Abschnitt seiner Untersuchung - „Ontologisch-existenzielle Dimension des Egoismus“ - widmet sich der Interpretation Stirners Philosophie des Seins unter permanenten Rückgriff auf die Philosophie Martin Heideggers. Im Zuge der Bestimmung des Seins bei Stirner rollt Penzo die Philosophie Stirners auf. Seine Interpretation läuft auf die Erkenntnis heraus, daß die „Macht die ontologische Dimension der Freiheit ist“ (S. 158). Basierend auf diesem Ergebnis widmet er sich der existenziellen Dimension des Egoismus. Die Bedeutung, die Penzo der existenziellen Dimension des Stirnerschen Egoismus beimißt, lautet: „Stirners besonderer Beitrag
zur Frage der Universalien könnte darin gesehen werden, daß er Realismus und Nominalismus durch den Egoismus überwindet. Hier verliert die Idee nicht nur jede objektive Basis, die sie im Realismus besaß. Sie wird auch zu einem reinen Hirngespinst herabgewürdigt. Auch der menschliche Geist, der die Ideen hervorbringt, sowie der göttliche Geist, der mutmaßliche Schöpfer der ganzen geistigen Welt, werden als Spuk angesehen“ (S. 163). Hierbei spielt die Thematik des Tod Gottes, die er anhand eines Vergleiches der Bedeutung der Metaphorik angewendet auf Stirner und Nietzsche, eine besondere Rolle. Bei Stirner sei dies der „Triumph über die christliche Seinskonzeption“ (S. 171).
Der dritte Abschnitt seiner Untersuchung – „Egoismus und Verein“ - widmet sich sowohl der dialektischen Methode Stirners, die dieser bei der Herleitung des Eigners benutzt, als auch der sozialen (häufig übersehenden) Komponente seiner Philosophie. Dem ersten Teil von Stirners Einzigen folgend, untersucht er die Darstellung der Menschheits- und Geistesgeschichte in Form der Triaden – ein Bild, das er von Hegel übernahm. „Stirner bleibt dem System Hegels und natürlich auch seiner eigenen Liebe zum typisch idealistischen System treu, wenn er sein Verständnis vom Sein als Egoismus als letzte Synthese und endgültigen Ausdruck einer sich als These, Antithese und Synthese entwickelnden existentialistischen Dialektik darstellt“ (S. 203). Um die soziale Komponente Stirners darzulegen, greift Penzo auf eine Reihe von unterschiedlichen Facetten seiner Philosophie – z.B. die Kategorie „Recht“, Staat, Gesellschaft – zurück, die er wiederum in Beziehung zum Einzigen setzt. Im Zuge dessen konkretisiert Penzo den von Stirner positiv besetzten Begriff der Empörung, den er deutlich vom Begriff der Revolution unterscheidet. Jene Unterscheidung von Revolte und Revolution und die Fokussierung Stirners auf die Empörung führt Penzo als Beweis an, daß die anarchistische Deutung Stirners falsch sei. Für Penzo zeigt sich darin eine deutliche Differenz zwischen den Theorien des Anarchismus, die den Fokus auf die Revolution legen.
Abschließend thematisiert er die werkimmanente Kritik an Stirners Philosophie, in dessen Zuge er ein Fazit des zuvor dargestellten Forschungsprojektes zieht. Dieser, im Vergleich zu den vorangegangenen Kapiteln nur kurz ausgefallene Beitrag, versucht er anhand einzelner Passagen aus Stirners Einzigem zu belegen, daß er sich nicht vollständig von der Transzendenz löst. „[Es] ist festzustellen, daß eine existentialistische Dialektik zwischen Eigentlichem und Uneigentlichem allein schon deswegen auch weiterhin vorhanden ist, weil Stirner sich klar einem Werthorizont gegenübersieht, den er ständig bekämpfen und folglich überwinden muß. Das bedeutet aber, daß die Transzendenz gerade in diesem Streben liegt, alle insgesamt als „Geist“ bezeichneten Werte des abendländischen Denkens zu überwinden. Eben diese Transzendenz zwischen Geist und Ich konstituiert, meiner Meinung nach das oben dargelegte Seinsverständnis unseres Philosophen“ (S. 286). Basis ist hierfür vorrangig – unter Berücksichtigung Nietzsches – die Frage nach der „Umwertung der Werte“ bzw. nach den Werten an sich, die nicht in Frage gestellt werden, – sondern nur Umdeutung vom Objektiven zum Subjektiven unterzogen werden.
Sein Fazit der Untersuchung, dem roten Faden des Stirnerschen Nihilismus folgend, lautet: „[F]ührt man Stirners Dialektik bis zu ihren letzten Konsequenzen hin durch, logisch zu einem absoluten Nihilismus gelangt. Wir haben zudem in Stirners Dialektik selbst einen Sprung festgestellt, bei dem das idealistische Moment im Ich als Ego wieder auftaucht. So führt die Thematik von Stirners Einzigen entweder zu einem leeren Nihilismus oder zu einem abstrakten Idealismus“ (S. 288).
Trotz des Alters der sehr stringenten Untersuchung bietet sie für den deutschen Diskurs über die Philosophie Max Stirners neue Impulse. Die von Penzo gewählte, existenzialistische Auslegung der Philosophie ist zwar längst keine unbekannte mehr, dennoch fehlte bislang eine Untersuchung, die diese Methode konsequent auf die unterschiedlichen Ebenen der Philosophie Stirners anwendet im deutschsprachigen Raum. Die Gegenüberstellung der existenziellen und der anarchistischen Lesart Stirners und die daraus gezogenen Schlüsse weisen allerdings einige Schwachstellen auf. Die Darstellung des Anarchismus verläuft bei ihm auf einer sehr undifferenzierten, die Differenzen der unterschiedlichen Strömungen des Anarchismus ignorierenden Darstellung hinaus. Er verharrt bei diesem Vergleich in vielen Hinsichten bei einer oberflächlichen Betrachtung und ignoriert fast vollständig die individualanarchistische Tradition zugunsten der kollektivistischkommunistischen Traditionslinie. Ebenfalls zu kritisieren ist, daß es seit der ersten Ausgabe zu keiner Aktualisierung des Forschungsstandes kam, der fast komplett den angelsächsischen Diskurs ignoriert. Seit der Erstveröffentlichung sind zwar nicht mehr als eine handvoll bedeutende, neuere Arbeiten entstanden, aber diese hätten ihren Platz in der Untersuchung verdient.

Zurück