Max Stirner
Gegründet am 22. Juni 2002 in Hummeltal bei Bayreuth
Kurt W. Fleming Zurück - Startseite

Rezension des Buches „Ludwig Feuerbach und die Welt des Glaubens“ von Jens Grandt, Verlag Westfälisches Boot Münster 2006

Gleich zu Beginn seines philosophischen Essays zitiert der Autor die rhetorische Frage, ob wir „noch einmal 'durch den Feuer-Bach‘“ (7) müssen. Dieses Bild von dem „Feuer-Bach“ geht auf eine Karikatur aus der Vormärz-Zeit zurück, die Bruno Bauer und einen Strauß (wobei hier David Friedrich Strauß gemeint ist) zeigen, beide die Herrschenden von Politik und Kirche durch den „Feuer-Bach“ jagend. Und der Autor ist der Ansicht, daß es viele Gründe gibt, „sich neuerlich mit Ludwig Feuerbach zu beschäftigen, historische und zeitgenössische“. (7)

Die historischen Gründe wären zum einen die seiner Meinung nach ungerechte und damit falsche Einschätzung der Philosophie Feuerbachs, z.B. durch Friedrich Engels (obwohl der Autor stellenweise dieser Engelsschen Kritik teilweise zustimmen muß).

Dem Autor geht es wie viele andere von der schreibenden Zunft: sind sie einmal in ihren Gegenstand verliebt oder hassen diesen, so ist es nicht verwunderlich, wenn dann die Darstellung des zu behandelnden Gegenstandes obskure Blüten treibt. Das zeigt in diesem Fall nicht nur sein Umgang mit Friedrich Engels, sondern auch mit Max Stirner. Auf beide komme ich weiter unten noch zu sprechen.

Der zeitgenössische Grund, sich erneut mit Feuerbach zu beschäftigen, sieht der Autor z.B. darin, daß die Religion zwar die Gegenwart nicht mehr „nennenswert“ (7) bestimmt, dennoch die gesellschaftliche Entwicklung „nach wie vor“ durch Fragen der Religion beeinflußt wird.

„Insofern ist Feuerbachs Kritik der Religion noch nicht abgegolten; darüber sollten sich weder die Gottesfürchtigen, noch die Zweifelnden, noch Atheisten täuschen.“ (8)

Nachdem der Autor uns jetzt in Schrecken versetzt hat, wird er konkreter. Er nennt die starken Tendenzen zu Esoterik und Sektenwesen, zu säkularer Religiosität, Re-Christianisierung der Gesellschaft usw.

Besonders drastisch sehen wir die Negativ-Einflüsse religiöser Elemente in der Politik wie bei dem Gut-Böse-Dualismus, wie er nicht nur bei dem sexuell verklemmten und puritanisch verheuchelten George W. Bush anzutreffen ist, sondern auch bei diversen, islamistischen Terroristen. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, das Böse zu sein, während man selbst das Gute repräsentiere.
Mit Recht stellt der Autor die Frage, „wieso Religion und Glaube solchen Einfluß auf die Menschen haben, obwohl das Problem nach Feuerbach/Marx als philosophisch gelöst erscheint.“ (8)

Gleich hier schließt sich seine Schelte gegen alle Atheisten an, die gegenüber Glaubensfragen ignorant seien. Nun, er muß es wissen, denn wenn er alle Atheisten über einen Kamm schert, dürfte er sie alle gefragt haben. Aber Scherz beiseite. Solche ungerechtfertigte Pauschalisierung tritt öfters in seinem Buch hervor. Hier wirkt seine Liebe zu Feuerbach grotesk.

Um aber dem Autor doch Gerechtigkeit zukommen zu lassen, ist es nicht schwer zuzugeben, daß er so falsch nicht liegt. Natürlich gibt es viele, auch Atheisten, die sich gegenüber der Religion nicht so verhalten, wie es der Autor für nötig hält. Andererseits ist es aber kein Frevel, wenn nicht alle Atheisten interessiert sind, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen. Letztere spielen nun mal in deren Leben keine Rolle.

Was anderes ist es, wenn Atheisten in sehr bewußter Weise sowohl Geschichte als auch Rolle der Religion für das Verstehen unserer Gegenwart für nichtig halten.

Diese Art von Atheisten und Atheismen vorausgesetzt, stimme ich dem Autor zu, wenn er schreibt, daß sie erstens verkennen, daß die weltliche soziale Bewegung wesentlich aus dem Christentum erwachsen ist; zweitens „daß Feuerbach den christlichen Glauben als eine seinerzeit in Europa dominierende Geisteshaltung analysierte, um alle Weltanschauungsfragen aufzurollen und jegliche, auch irdische, Heilserwartung zu verwerfen.“ (8)

Feuerbach hat natürlich Recht: allein mit dem Ablegen des religiösen Glaubens ist ein Mensch nicht davor gefeit, einer nichtreligiösen Gläubigkeit unterworfen zu werden.

In späteren Kapiteln bemüht sich der Autor, Feuerbachs analytische Methode auf Geschichte und Gegenwart anzuwenden: Autoritätsglaube, Glaube an die Nation, Religiosität im Nationalsozialismus, religiöse Exempel des orthodoxen Marxismus-Leninismus, der Wirtschaftsglaube, der Glaube des Neoliberalismus usw. usf.

Aus der Sicht des Autors bietet Feuerbach Anregungen „für die gegenwärtig recht hilflose sogenannte Wertediskussion und hinsichtlich der Fragen der individuellen Identität in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft.“ (9)

Dem Autor geht es also auch bei seiner Darstellung der Genese der Feuerbachschen Philosophie darum, ihm sowohl nicht nur historische Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sondern auch dessen Aktualität nachzuweisen. Es ist keine große Kunst, diese Aktualität tatsächlich nachzuweisen.

Der Autor schreibt keine Biografie Feuerbachs, sondern er ist bemüht, die Entwicklung der Feuerbachschen Philosophie verständlich darzustellen, wobei natürlich auch biografische Aspekte eine Rolle spielen müssen und werden. So haben wir es mit einem vermittelten biografischen Abriß zu tun (s. S. 10). Es geht ihm um die Korrektur der „durch Tradition und Vorurteil überlieferte(n) Einschätzung Feuerbachs“ (10), denn Feuerbachs Aussagen über die Religion seien nach wie vor relevant und betreffen auch weltliche Glaubenskonstrukte.

Selbstredend sieht der Autor sein Essay – mit Bezug auf Feuerbach – als „ganz anspruchslos“ und „mit aller Freiheit als ein Objekt der Kritik“.

Nun, diese Kritik ist auch nötig, besonders wenn es um Max Stirner geht, worauf ich noch ausführlich zu sprechen komme.

In den ersten Kapiteln zeichnet der Autor die Entwicklung des jungen Feuerbach, der schon in frühen Jahren mit der Politik deutscher Staaten konfrontiert wird. Nicht nur sein Vater, auch seine Brüder sind stark in diverse politische Geschehnisse involviert. All das geht nicht spurlos an Feuerbach vorüber.

In diesen Kapiteln (S. 11-72) gelingt es dem Autor sehr gut, die Feuerbachsche Entwicklung nachvollziehbar aufzuzeigen. Aber ab dem Kapitel „Feuerbach, Marx und Engels ...“ treten erste Risse auf. Hier obsiegt die Liebe des Autors, die er gegenüber Feuerbach hegt.

Sie sei ihm auch nicht genommen, aber das rechtfertigt nicht obskure Einschätzungen, z.B. gegenüber Stirner, was er bei ähnlich gelagerter Kritik anderer an Feuerbach nicht duldet. Hier mißt der Autor mit zweierlei Maß.

In dem ersten Fall geht es um Feuerbach als Philosophiehistoriker. Es ist Engels' Kritik an Feuerbach, wonach diesem die Geschichte „überhaupt ein ungemütliches, unheimliches Feld“ sei (zit. n. S. 37). Das kann der Autor nicht auf Feuerbach sitzen lassen.

Aber gehen wir dieser Sache etwas nach: Feuerbachs erster wesentlicher Schub in seiner philosophischen Entwicklung ist seine Auseinandersetzung mit Hegel. Hier schreibt der Autor, im Versuch, Engels zu kritisieren: „Eben weil er [Feuerbach; KWF] sich als Philosophiehistoriker profiliert hatte, war er in der Lage, Fehlstellen und Leerstellen in Hegels System aufzudecken, die andere nicht gesehen haben.“ (37)

Aber auf der Seite 19 hat der Beginn der Hegel-Kritik Feuerbachs eine andere Ursache: Denn Feuerbach entdeckt eben diese Ungereimtheiten vor seiner Tätigkeit als Philosophiehistoriker, nämlich als er sich mit Hegels Naturauffassung auseinandersetzt. Hier nimmt Feuerbach den der Hegelschen Philosophie immanenten logischen Bruch wahr: „Die Ableitung 'des Anderen‘, der Natur, aus der Logik erscheint ihm unlogisch, denn die Logik 'weiß aus sich selbst nur von sich, nur vom Denken.‘“ Und weiter führt der Autor dazu aus: "Nicht zufällig verfangen sich seine [Feuerbachs - KWF] Zweifel zuerst (!) an Hegels Naturphilosophie“ [Hervorhebung von mir; KWF] – und nicht als schon „profilierter“ Philosophiehistoriker.

Der Autor kritisiert also die oben zitierte Einschätzung von Engels, denn diese sei fatal und „so allgemein gesagt, ist sie falsch“ (37). Diesen Satz könnte man als ein vielleicht nicht beabsichtigtes Eingeständnis betrachten.

Wenn also Engels’ Kritik an Feuerbach „so allgemein gesagt“ falsch ist, hat sie demnach doch einen rationalen Gehalt.

Welchen Feuerbachschen „Horror“ vor der Geschichte hatte Engels denn im Auge? Bestimmt nicht Feuerbachs historische Sicht auf von ihm untersuchte Philosophen, sondern Feuerbachs Enthaltsamkeit in Bezug auf tagespolitisch bestimmte Geschichte. Aber auch und gerade Feuerbachs Abstinenz, sich den eigentlichen historischen, in diesem Falle politischen und ökonomischen Ursachen jeglicher Religion zuzuwenden. Das muß auch der Autor zugeben, wonach Feuerbach sich nicht dazu erzogen hat, „wirkliche historische Ereignisse zu durchdenken. Sie liegen zu dieser Zeit außerhalb seines Horizonts.“ (81)

Ich bin der Meinung, daß Engels – in Einklang mit Marx – nichts anderes im Sinn hatte, als er Feuerbachs Abstinenz in Sachen Geschichte kritisierte.

Ich hatte schon auf Engels hingewiesen, und des Autors Kritik an diesem. Ohne Engels in allem in Schutz zu nehmen, zeichnet der Autor doch ein seltsames Bild von diesem. Solange Marx und Engels Feuerbachianer sind, ist des Autors Umgang mit beiden geradezu herzlich. Sobald es aber eine kritische Distanz gibt, geht der Autor recht rabiat vor, besonders gegen Engels. Marx wird dabei fast außen vorgelassen.

Schauen wir uns des Autors Für und Wider in Bezug auf Marx und Engels an. Solche positiven Formulierungen sind:

  • Marx und Engels verfolgten aufmerksam die Feuerbachsche Philosophie (74)
  • Engels deutet Feuerbach in der „Heiligen Familie“ als den Philosophen, der vor allen anderen philosophische Wahrheiten aussprach. Denn Engels schrieb: „Aber wer hat denn das Geheimnis des 'Systems‘ aufgedeckt? Feuerbach. Wer hat die Dialektik der Begriffe ... vernichtet? Feuerbach. Wer hat ... 'den Menschen‘ an die Stelle des alten Plunders ... gesetzt? Feuerbach und nur Feuerbach.“ (zit. n. S. 75)
  • Marx und Engels sind scharfsinnige Denker (84/85)

All diese positiven Wertungen gibt der Autor von sich, solange – ich wiederhole mich – Marx und Engels als Feuerbachianer auftraten. Aber es gab nun einmal diesen Bruch zwischen Marx/Engels und Feuerbach! Der Autor versteht es nicht, die tatsächliche Ursache für diese „Entfremdung“ (75) nachzuweisen.

Ausgangspunkt für des Autors Kritik an Engels ist dessen Schrift „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“. Diese Schrift ist bestimmt mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Schon Wolfgang Eßbach wies in seinem Buch (1) auf die „Legendenbildung“ hin, die Engels dort anstiftete, nämlich als er – interessanterweise bei dem Versuch, Feuerbach positiv in die Philosophiegeschichte einzuschreiben – Stirner einzuordnen versucht. Eßbach schreibt: „Was jedoch Engels in seiner späten Schrift über Ludwig Feuerbach als Bild der junghegelianischen Fraktionen zeichnet, ist eine Legende.“ Weiter schreibt er: „In der rückblickenden Darstellung der junghegelianischen Debatten unterscheidet Engels zwei Seiten des 'Zersetzungsprozesses der Hegelschen Schule‘. Er nennt auf der einen Seite den Streit zwischen Strauß und Bauer über die Frage, 'ob in der Weltgeschichte die 'Substanz‘ oder das 'Selbstbewußtsein‘ die entscheidend wirkende Macht sei;‘ und fährt unmittelbar fort 'schließlich kam Stirner, der Prophet des heutigen Anarchismus – Bakunin hat sehr viel aus ihm genommen – und übergipfelte das souveräne »Selbstbewußtsein« durch seinen souveränen »Einzigen«‘. Demgegenüber sei die 'Masse der entschiedensten Junghegelianer‘ durch die praktischen Notwendigkeiten ihrer Religionskritik auf den englisch-französischen Materialismus zurückgedrängt worden und in Konflikt mit ihren Schulsystemen geraten. 'Da kam Feuerbachs »Wesen des Christentums«. Mit einem Schlag zerstäubte es den Widerspruch, indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron erhob.‘
Die hier erzeugte Legende besteht darin, daß der Eindruck erweckt wird, als ende die Bauersche 'Philosophie des Selbstbewußtseins‘ mit Stirner und Feuerbachs Materialismus bilde quasi einen Neuanfang. Engels siedelt in seiner rückblickenden Darstellung Stirners 'Einzigen und sein Eigentum‘ (1844) vor Feuerbachs 'Wesen des Christentums‘ (1841) an. Vermutlich lag dieser Umstellung Engels’ Interesse zugrunde, Feuerbachs Materialismus als die bei weitem progressivste in den historischen Materialismus mündende Tendenz des Junghegelianismus zu charakterisieren.“ (2)

Des Autors Besorgnis um Engels’ laschen Umgang ist verständlich. Und jetzt kommen wir zu des Autors negative Bewertungen, die er jetzt bei Engels findet, die vorher nicht gegeben schienen, als Engels noch ein „momentaner Feuerbachianer“ war:

  • Engels’ fehlende oder mangelnde Detailkenntnisse in Bezug auf diverse Feuerbach-Schriften (88)
  • Engels, der unheilvolle Marx-Flüsterer: „es scheint so, als hätte sich Marx, auch in den späteren Jahren, etwas zu vertrauensvoll auf die Einflüsterungen seines Freundes hinsichtlich Feuerbach verlassen“ (88)
  • Engels sei mit dem Phänomen Feuerbach „nie ganz fertig geworden“ (95)
  • Engels habe eine Berserkerwut in Bezug auf Feuerbach (101)
  • Engels rezipiere Feuerbach aus Sekundär-Literatur (105)
  • Bei Engels gäbe es eine krasse und peinliche Verkennung Feuerbachs

Da der Autor mit der Feuerbach-Kritik dieser „scharfsinnigen Denker“ (84/85) nun selbst nicht ganz klarzukommen scheint, scheint er dahingehend die Kurve zu kriegen (so denkt er diese inne zu haben), indem er glaubt feststellen zu müssen, daß die von Marx und Engels geäußerte Kritik, auch in der „Deutschen Ideologie“, eher auf die Junghegelianer zutreffe – so auch auf Stirner –, aber nicht auf Feuerbach. Denn dem Autor gefällt nicht, daß Marx und Engels Feuerbach – aus seiner Sicht "umstandslos" – mit den Junghegelianern auf eine Stufe stellen, weil auch Feuerbach in der „Deutschen Ideologie“ kritisiert wird.

Nun, des Autors Unverständnis ist nachvollziehbar, denn Feuerbach ist mitnichten umstandslos den Junghegelianern zuzuordnen. Aber wenn er schon dies in Anspruch nimmt, muß man ihm diese Vorgehensweise gegen Stirner ebenso vorhalten, als er diesen umstandslos den Junghegelianern zuordnet.

Der Autor mokiert sich also über Marx’ und Engels’ Art des Umgangs mit Feuerbach. Auch bei späteren Ausführungen über Stirner werden wir sehen können, wie schlampig er mit Stirner umgeht, also jene Schlampigkeit praktiziert, die er Engels unterstellt. Hier muß ich dem Autor vorhalten, daß er Stirner nicht oder nicht im Detail kennt oder diesen nur aus Sekundärliteratur.

Bevor ich mich aber auf diverse berserkerische Bemerkungen des Autors Stirner betreffend einlasse, möchte ich auf die Entfremdung zwischen Marx/Engels einerseits, Feuerbach andererseits eingehen, auf die der Autor dann schon gebetsmühlenartig hinweist.

In dem Abschnitt über die „Mißverständnisse um einen Schelling-Text“ spricht der Autor von der sich anbahnenden Entfremdung zwischen Marx/Engels und Feuerbach. Äußerer Anlaß scheint ihm ein nicht geschriebener Artikel über Schelling zu sein, um den sich Marx bei Feuerbach bemühte. Da aber Feuerbach nichts Neues über Schelling zu schreiben wußte, sagte er diesen Artikel ab. Marx hatte dafür Verständnis. Aber der Autor vermutet dennoch darin ein Grund für den Beginn der Entfremdung. Aber warum soll dies tatsächlich so gewesen sein? Der Autor bringt hier keine überzeugenden Argumente an. Dies scheint er zu merken. So macht er jetzt, ganz unvermittelt, Mentalitätsunterschiede zwischen Marx und Feuerbach aus und die daraus - seiner Meinung nach - resultierenden ersten deutlich werdenden substantiellen Differenzen (s. S. 77).

In der Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhhunderts war nach des Autors Ansicht „ein unmittelbares Eingehen auf die brennenden sozialen Widersprüche gefragt“. Da Feuerbach diesem aber nicht in der von Marx und Engels erwarteten Art nachkam, sieht der Autor darin „eine Ursache des Konflikts zwischen Feuerbach und den schnell reagierenden Journalistenduo Marx/Engels. Feuerbachs Arbeitsweise steht so ganz im Gegensatz zur politischen Betriebsamkeit eines Marx und Engels.“ (79) „Es ist eine Mentalität, die auf Dauer zu wenig Kontaktflächen gegenüber jenen des Karl Marx und Friedrich Engels bietet, als daß sie gemeinsame Kämpfer mit einem Herz und einer Seele hätten werden können.“ (81)

Das Argument mit dem „Mentalitätsunterschied“ ist nicht überzeugend und daher nicht brauchbar; das ist eher ein temporäres Problem. Und der Autor bietet, außer der Konstatierung der unterschiedlichen bis gegensätzlichen Lebensweise, keinen weiteren Beweis, keinen weiteren Beleg, daß eben dieser Mentalitätsunterschied wirklich eine Ursache von Entfremdung gewesen sein soll, die Marx und Engels dazu brachten, über Feuerbach hinaus zu gehen in Richtung ihres Historischen Materialismus. Die von Engels später aufgeworfenen Kritikpunkte gegen Feuerbach können daher für diesen Zeitraum nicht herangezogen werden.

In dem vom Autor anvisierten Zeitpunkt ist es eher so, daß Feuerbach und Marx sich sehr nahe stehen, als es z.B. um die Deutung des Schlesischen Weberaufstandes geht. Zwar hat sich Feuerbach dazu nicht wesentlich geäußert, sich aber in dem Streit zwischen Marx und Ruge auf die Seite von Marx gestellt. Nachdem also der Autor in dem vorherigen Kapitel mittels „Mentalitätsunterschiede“ den Beginn einer substantiellen Differenz auszumachen scheint, trifft diese hier nicht zu, sie ist nicht einmal existent.

Da Feuerbach im Großen und Ganzen die Kritik der Religion – anders als Marx – für nicht beendet betrachtet und sich weiterhin auf der mehr erkenntnistheoretischen und psychologischen Ebene bewegt, kann er nicht – wie der Autor einräumt – die eigentlichen ökonomischen und sozialen Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung wahrnehmen, auf die sich Marx und Engels immer mehr zubewegen, aber immer noch auf der philosophischen Grundlage des Feuerbachschen Gattungsbegriffs.

Und wer immer noch denkt, je weiter wir in diesem Buch vordringen, das Geheimnis werde bald gelüftet, wie aus der „inhaltlichen Differenz“ eine Entfremdung wird, der irrt. Denn unvermittelt – im wahrsten Sinne dieses Wortes – geht der Autor auf die Feuerbach-Kritik von Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“ über, ohne auch nur die Frage zu stellen, wie aus Feuerbachianern, die Ende 1844 noch ihre feuerbachisch beeinflußte „Heilige Familie“ schreiben, so plötzlich gegen Feuerbach auftreten konnten. Es sei gleich gesagt: der Autor verrät uns dies Geheimnis nicht. Wie kann er auch: er kennt es nicht. Das Geheimnis ist aber offenbar: es heißt - Max Stirner.

Marx und Engels gaben Ende 1844 ihre „Heilige Familie“ heraus, ein Werk, in dem es noch vor lauter Feuerbach spukt. Anfang 1845 aber kommt es zum Abfall von Feuerbach. Was war geschehen? Marx und Engels lasen Max Stirners Buch „Der Einzige und sein Eigentum“.

Engels war sofort beeindruckt von Stirners Logik und forderte Marx auf, es Stirner – im Großen und Ganzen – gleich zu tun: „Und wahr ist daran allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unsrer eigenen, egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür thun können. ... Wir müssen vom empirischen, leibhaftigen Ich ausgehen ... 'Der Mensch‘ ist immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empirischen Menschen seine Basis hat. Kurz wir müssen vom Empirismus und Materialismus ausgehen ...; wir müssen das Allgemeine vom Einzelnen ableiten“. (3) Die Antwort von Marx an Engels kennen wir nicht, aber aus Engels’ Antwortschreiben wissen wir, daß er sich von seinen früheren Positionen lossagte. Unabhängig davon kann man aber mit Fug und Recht sagen, daß die Lektüre des Stirnerschen Buches Marx und Engels veranlaßte, ihre eigenen Positionen, auch und gerade in Bezug auf Feuerbach zu überdenken, und Stirners Kritik zu überbieten (4).

Das tun Marx und Engels nicht nur in der „Deutschen Ideologie“, sondern Marx im Frühjahr 1845 in seinen Thesen über Feuerbach. Der Autor siedelt übrigens die Entstehung der Feuerbach-Thesen im April 1844 (92) an. Nach meinen Kenntnissen sind diese erst ein ganzes Jahr später geschrieben worden. Denn wären diese Thesen tatsächlich schon im Frühjahr 1844 geschrieben worden, hätte sich die "Heilige Familie" entweder erledigt, oder sie hätte inhaltlich ganz anders ausgesehen. Das aber war nicht der Fall. Denn wenn die Feuerbach-Thesen, wie Engels später schrieb, den genialen Keim der neuen Weltanschauung schon enthielten, wäre also die Schrift „Die heilige Familie“ das Buch gewesen, in dem die Grundlegung des historischen Materialismus vorgenommen worden wäre.

Es ist schon seltsam, daß der Autor – wohl aus Unkenntnis Stirners – das Feuerbach-Kapitel der „Deutschen Ideologie“ als „das wichtigste“ (87) ansieht. Wenn wir uns aber vor Augen halten, daß das Stirner-Kapitel nahezu Dreiviertel des ganzen Buches ausmacht, so muß diese Annahme des Autors in Zweifel gezogen werden. Wichtig mag das Feuerbach-Kapitel insoweit sein, weil darin am Konzentriertesten die Grundlegung des historischen Materialismus erfolgte, aber der Entstehung des Feuerbach-Kapitels ging das Schreiben des Stirner-Kapitels voraus. Denn die Frage sei erlaubt, warum das Feuerbach-Kapitel – quantitativ gesehen – so mager ausfiel, dagegen das Stirner-Kapitel so umfangreich wurde. Die Erklärung ist darin zu finden, daß Marx und Engels von Stirner so stark verunsichert wurden, daß sie in ihm die größere Gefahr wahrnahmen, insistierte doch – wie Eßbach ausführte – Stirner auf einen ganz anderen Materialismus, als Marx und Engels ihn ausarbeiteten: nämlich auf einen Materialismus des Selbst, Marx dagegen auf einen Materialismus der Verhältnisse – mit all den von Eßbach genannten Folgen und Konsequenzen: „Anfängliche Vermutungen haben sich im Laufe der Untersuchungsarbeit zu der Überzeugung verdichtet, daß wesentliche Schwachstellen der Marxschen Theorie, die gegenwärtig theoretisch wie praktisch zu neuralgischen Punkten geworden sind, in einem engen systematischen wie genetischen Zusammenhang mit der Kontroverse zwischen Stirner, Marx und Engels stehen. Es sind dies innerhalb des Marxismus: 1. das Problem der Subjektivität, 2. das Problem der politischen Macht, und 3. das Problem der 'historisch notwendigen‘ gesellschaftlichen Entwicklungsrichtung.“ (5)

Es ist nach wie vor so, daß die Rolle Stirners bei der Herausbildung des historischen Materialismus von der akademischen und universitären Philosophie entweder geleugnet oder ausgeblendet wird (Eßbach bildet hier eine Ausnahme).

Da der Autor Stirner entweder nicht kennt oder nicht begriffen hat, wundert es nicht, daß seine Einschätzungen in Bezug auf Stirner sowohl an seiner Person als auch an seiner Philosophie völlig vorbei gehen. Einige solcher Einschätzungen seien kurz genannt:

  • „dem auf die Spitze getriebenen Egoismus des Stirnerschen Einzelnen“ (hier übernimmt der Autor unkritisch die Engelssche Formulierung in dessen Brief an Marx) (88)
  • Da der Autor in diesem Zusammenhang Engels eine Fehldeutung des Feuerbachschen Menschenbildes unterstellt, tut er dies indirekt auch bei Stirner, denn Engels bezieht sich ja explizit auf Stirners Kritik an Feuerbachs Auffassung vom Menschen (88)
  • Marx und Engels mokierten sich über die „neuere“ junghegelsche Philosophie und meinten damit die „gegenseitigen Streitereien der 'Kritik‘, des 'Menschen‘ und des 'Einzigen‘. … Diese Streitigkeiten haben wahrhaftig, vor allem seitens Bauer und Stirner, so zänkisch und sophistisch stattgefunden, wie sie die Autoren [Marx/Engels; KWF] schildern“. (88) Der Autor ärgert sich aber darüber, daß Marx und Engels Feuerbach auf eine Stufe mit Bauer und Stirner stellen.
  • Neben Strauß und Bauer habe auch Stirner nicht „aus der Geistnatur“ (98) herausgefunden [der Autor möge jene Stellen bei Stirner nachlesen und wird feststellen, daß Stirner sehr wohl einen materialistischen Standpunkt vertrat].
  • Stirner vertrete einen Nihilismus, dem Feuerbach nicht zusage.
  • Stirner vertrete einen extremen Individualismus (117); in diesem Zusammenhang zitiert der Autor aus einem Brief Feuerbachs an Otto Wigand, wonach (auch) Stirner Teil eines Gelehrten- und Lumpenpacks sei, mit dem Feuerbach nichts zu tun haben wolle.
  • Stirner habe egozentrische Anwandlungen.
  • Stirner komme nicht von vom kategorialen Denken à la Hegel los. – Hier sei eingefügt, daß der Autor nichts davon weiß, daß Stirner sehr wohl – wie Feuerbach ebenso – sich gegen Hegel stellte und dessen philosophisches System nicht nur kritisierte, sondern auch hinter sich ließ. Für den Autor trifft das zu, was er z.B. Engels vorwirft in Bezug auf dessen Umgang mit Feuerbach: hat Engels Feuerbach gelesen, dann hat er ihn nicht verstanden. Das müssen wir auch bei diesem Autor annehmen.
  • Stirners Buch sei ein „egozentrisches Pamphlet“ (313)

Diese Art des Umgangs mit Stirner weist den Autor als einen Menschen aus, der, wenn es seiner Sache dient – das ist ein sehr egoistisches Motiv, jedoch nicht im Stirnerschen Sinne – mächtig überzieht, wenn es darum geht, sein Kind „Feuerbach“ ins rechte Licht zu rücken.

Zum Schluß noch einige Bemerkungen zu Feuerbachs Verhältnis zu Stirner. Wenn – um den Intentionen des Autors in seinem Umgang mit Stirner zu folgen – Stirner so wichtig nicht war, so fragt es sich, warum zum einen Marx/Engels sich so intensiv mit Stirners Buch auseinandersetzten; und es darf gefragt werden, warum Feuerbach es ebenfalls tat.

Wenn Feuerbach sich „tagespolitisch“ äußerte, so erst dann, wenn es keinen „Mangel an innerer Nötigung“ (76) gab. Feuerbach muß das Stirnersche Buch demnach als sehr wichtig empfunden haben, um darauf einzugehen.

Interessant an der Feuerbachschen Kritik an Stirner ist dessen schwache Replik, eines der schwächsten Aufsätze, die er je geschrieben. Selbst der Autor muß konstatieren, daß Feuerbach in dieser Kritik „noch mit gattungsmäßigen Beziehungen“ (316) die menschliche Dualität zu erklären sich bemüht, also tatsächlich keinen philosophischen Fortschritt gegenüber Stirner aufweisen konnte.

Der anfänglich positive Eindruck, den Feuerbach von Stirner erhalten hat, sei aber nur von kurzer Dauer gewesen, denn Feuerbach habe sich letztendlich an Stirners Äußerungen zum Eigennutz gestoßen und diese abgelehnt. Hier sei zugunsten Feuerbachs unterstellt, daß er den darin enthaltenen Egoismus-Begriff Stirners wortwörtlich nimmt (wie auch Heß in seiner Stirner-Kritik) und daher falsch interpretiert. Vorzuwerfen ist Feuerbach aber zugleich, daß er dann zu Unrecht Stirner ablehnte. Aber wir wissen, daß Feuerbach sehr wohl ein ambivalentes Verhältnis zum Egoismus hatte. Später schreibt Feuerbach von diversen, die Menschen antreibenden Egoismen, in denen z.B. Lenin Ansätze des historischen Materialismus sah (ergo indirekt auch Ansätze des historischen Materialismus bei Max Stirner).

Feuerbach fokussiert sich in seiner Stirner-Kritik auf die Beziehung des Ich zum Du, aber diese dergestalt nur auf die Dimension des Abhängigkeitsgefühls reduziert (über das sich Engels so ärgerte), so daß der auf Feuerbach eingeschworene Autor einräumen muß, daß Feuerbachs Vorgehensweise „freilich nicht akzeptabel“ sei. (313) Aber in diesem Zusammenhang einzuräumen, daß die Feuerbachsche Stirner-Kritik an dessen Werk vorbeigeht, wie andere Feuerbachianer dies einräumten, das zuzugeben scheut sich der Autor. Er spricht dagegen in diesem Zusammenhang von einem „Kurzschluß“ (313)! In einer anderen Dimension wäre ein solcher „Kurzschluß“ mit einem „Betriebsunfall der Geschichte“ vergleichbar, was so viel bedeutet, daß Feuerbachs Problem in seinem eigenen Umgang mit Stirner liegt.

Feuerbach erleidet seinen „Kurzschluß“, weil der elektrische Stromstoß namens Stirner so tief in ihm eindrang, daß er Stirner nichts Wesentliches, nichts Substantielles entgegensetzen konnte.

Es ließen sich noch einige andere Schwächen im Buch nachweisen, so des Autors Problem im Umgang sowohl mit Jahreszahlen als auch mit Namen. Das Manifest der Kommunistischen Partei wurde seiner Meinung nach schon 1843 geschrieben (120), der 20. Parteitag der KPdSU fand erst 1961 statt und nicht schon 1956, und aus Prof. Harry Nick macht er Prof. Harry Nickel.

Insgesamt ist das Buch trotz dieser hier ausführlich aufgezeigten Mängel (insbesondere was die Rolle Max Stirners betrifft) ein sehr lesbares Buch und bietet interessante Ansatzpunkte für das Verstehen historischer wie zeitgenössischer Religionen, seien sie säkular oder nicht.

Leipzig, 1.2.2007

(1) Gegenzüge. Der Materialismus des Selbst und seine Ausgrenzung aus dem Marxismus – eine Studie über die Kontroverse zwischen Max Stirner und Karl Marx“, Frankfurt am Main 1982, S. 40
(2) A.a.O., S. 40/41
(3) Zit. nach Recensenten Stirners. Mit einer Einleitung von Bernd Kast. Stirneriana 24, Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig 2003, S. IX
(4) Wolfgang Eßbach, Gegenzüge…, S. 72/73
(5) A.a.O., S. 8/9