Rezension
des Buches „Ludwig Feuerbach und die Welt des Glaubens“
von Jens Grandt, Verlag Westfälisches Boot Münster 2006

Gleich
zu Beginn seines philosophischen Essays zitiert der Autor die rhetorische
Frage, ob wir „noch einmal 'durch den Feuer-Bach‘“
(7) müssen. Dieses Bild von dem „Feuer-Bach“ geht
auf eine Karikatur aus der Vormärz-Zeit zurück, die Bruno
Bauer und einen Strauß (wobei hier David Friedrich Strauß
gemeint ist) zeigen, beide die Herrschenden von Politik und Kirche
durch den „Feuer-Bach“ jagend. Und der Autor ist der
Ansicht, daß es viele Gründe gibt, „sich neuerlich
mit Ludwig Feuerbach zu beschäftigen, historische und zeitgenössische“.
(7)
Die historischen Gründe wären zum einen die seiner Meinung
nach ungerechte und damit falsche Einschätzung der Philosophie
Feuerbachs, z.B. durch Friedrich Engels (obwohl der Autor stellenweise
dieser Engelsschen Kritik teilweise zustimmen muß).
Dem Autor geht es wie viele andere von der schreibenden Zunft: sind
sie einmal in ihren Gegenstand verliebt oder hassen diesen, so ist
es nicht verwunderlich, wenn dann die Darstellung des zu behandelnden
Gegenstandes obskure Blüten treibt. Das zeigt in diesem Fall
nicht nur sein Umgang mit Friedrich Engels, sondern auch mit Max
Stirner. Auf beide komme ich weiter unten noch zu sprechen.
Der
zeitgenössische Grund, sich erneut mit Feuerbach zu beschäftigen,
sieht der Autor z.B. darin, daß die Religion zwar die Gegenwart
nicht mehr „nennenswert“ (7) bestimmt, dennoch die gesellschaftliche
Entwicklung „nach wie vor“ durch Fragen der Religion
beeinflußt wird.
„Insofern ist Feuerbachs Kritik der Religion noch nicht abgegolten;
darüber sollten sich weder die Gottesfürchtigen, noch
die Zweifelnden, noch Atheisten täuschen.“ (8)
Nachdem der Autor uns jetzt in Schrecken versetzt hat, wird er konkreter.
Er nennt die starken Tendenzen zu Esoterik und Sektenwesen, zu säkularer
Religiosität, Re-Christianisierung der Gesellschaft usw.
Besonders drastisch sehen wir die Negativ-Einflüsse religiöser
Elemente in der Politik wie bei dem Gut-Böse-Dualismus, wie
er nicht nur bei dem sexuell verklemmten und puritanisch verheuchelten
George W. Bush anzutreffen ist, sondern auch bei diversen, islamistischen
Terroristen. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, das Böse
zu sein, während man selbst das Gute repräsentiere.
Mit Recht stellt der Autor die Frage, „wieso Religion und
Glaube solchen Einfluß auf die Menschen haben, obwohl das
Problem nach Feuerbach/Marx als philosophisch gelöst erscheint.“
(8)
Gleich hier schließt sich seine Schelte gegen alle Atheisten
an, die gegenüber Glaubensfragen ignorant seien. Nun, er muß
es wissen, denn wenn er alle Atheisten über einen Kamm schert,
dürfte er sie alle gefragt haben. Aber Scherz beiseite. Solche
ungerechtfertigte Pauschalisierung tritt öfters in seinem
Buch hervor. Hier wirkt seine Liebe zu Feuerbach grotesk.
Um
aber dem Autor doch Gerechtigkeit zukommen zu lassen, ist es nicht
schwer zuzugeben, daß er so falsch nicht liegt. Natürlich
gibt es viele, auch Atheisten, die sich gegenüber der Religion
nicht so verhalten, wie es der Autor für nötig hält.
Andererseits ist es aber kein Frevel, wenn nicht alle Atheisten
interessiert sind, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen.
Letztere spielen nun mal in deren Leben keine Rolle.
Was anderes ist es, wenn Atheisten in sehr bewußter Weise
sowohl Geschichte als auch Rolle der Religion für das Verstehen
unserer Gegenwart für nichtig halten.
Diese Art von Atheisten und Atheismen vorausgesetzt, stimme ich
dem Autor zu, wenn er schreibt, daß sie erstens verkennen,
daß die weltliche soziale Bewegung wesentlich aus dem Christentum
erwachsen ist; zweitens „daß Feuerbach den
christlichen Glauben als eine seinerzeit in Europa dominierende
Geisteshaltung analysierte, um alle Weltanschauungsfragen aufzurollen
und jegliche, auch irdische, Heilserwartung zu verwerfen.“
(8)
Feuerbach hat natürlich Recht: allein mit dem Ablegen des religiösen
Glaubens ist ein Mensch nicht davor gefeit, einer nichtreligiösen
Gläubigkeit unterworfen zu werden.
In späteren Kapiteln bemüht sich der Autor, Feuerbachs
analytische Methode auf Geschichte und Gegenwart anzuwenden: Autoritätsglaube,
Glaube an die Nation, Religiosität im Nationalsozialismus,
religiöse Exempel des orthodoxen Marxismus-Leninismus, der
Wirtschaftsglaube, der Glaube des Neoliberalismus usw. usf.
Aus der Sicht des Autors bietet Feuerbach Anregungen „für
die gegenwärtig recht hilflose sogenannte Wertediskussion und
hinsichtlich der Fragen der individuellen Identität in einer
weitgehend säkularisierten Gesellschaft.“ (9)
Dem Autor geht es also auch bei seiner Darstellung der Genese der
Feuerbachschen Philosophie darum, ihm sowohl nicht nur historische
Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sondern auch dessen Aktualität
nachzuweisen. Es ist keine große Kunst, diese Aktualität
tatsächlich nachzuweisen.
Der Autor schreibt keine Biografie Feuerbachs, sondern er ist bemüht,
die Entwicklung der Feuerbachschen Philosophie verständlich
darzustellen, wobei natürlich auch biografische Aspekte eine
Rolle spielen müssen und werden. So haben wir es mit einem
vermittelten biografischen Abriß zu tun (s. S. 10). Es geht
ihm um die Korrektur der „durch Tradition und Vorurteil überlieferte(n)
Einschätzung Feuerbachs“ (10), denn Feuerbachs Aussagen
über die Religion seien nach wie vor relevant und betreffen
auch weltliche Glaubenskonstrukte.
Selbstredend sieht der Autor sein Essay – mit Bezug auf Feuerbach
– als „ganz anspruchslos“ und „mit aller
Freiheit als ein Objekt der Kritik“.
Nun, diese Kritik ist auch nötig, besonders wenn es um Max
Stirner geht, worauf ich noch ausführlich zu sprechen komme.
In den ersten Kapiteln zeichnet der Autor die Entwicklung des jungen
Feuerbach, der schon in frühen Jahren mit der Politik deutscher
Staaten konfrontiert wird. Nicht nur sein Vater, auch seine Brüder
sind stark in diverse politische Geschehnisse involviert. All das
geht nicht spurlos an Feuerbach vorüber.
In diesen Kapiteln (S. 11-72) gelingt es dem Autor sehr gut, die
Feuerbachsche Entwicklung nachvollziehbar aufzuzeigen.
Aber ab dem Kapitel „Feuerbach, Marx und Engels ...“
treten erste Risse auf. Hier obsiegt die Liebe des Autors, die er
gegenüber Feuerbach hegt.
Sie
sei ihm auch nicht genommen, aber das rechtfertigt nicht obskure
Einschätzungen, z.B. gegenüber Stirner, was er bei ähnlich
gelagerter Kritik anderer an Feuerbach nicht duldet. Hier mißt
der Autor mit zweierlei Maß.
In dem ersten Fall geht es um Feuerbach als Philosophiehistoriker.
Es ist Engels' Kritik an Feuerbach, wonach diesem die Geschichte
„überhaupt ein ungemütliches, unheimliches Feld“
sei (zit. n. S. 37). Das kann der Autor nicht auf Feuerbach sitzen
lassen.
Aber gehen wir dieser Sache etwas nach: Feuerbachs erster wesentlicher
Schub in seiner philosophischen Entwicklung ist seine Auseinandersetzung
mit Hegel. Hier schreibt der Autor, im Versuch, Engels zu kritisieren:
„Eben weil er [Feuerbach; KWF] sich als Philosophiehistoriker
profiliert hatte, war er in der Lage, Fehlstellen und Leerstellen
in Hegels System aufzudecken, die andere nicht gesehen haben.“
(37)
Aber auf der Seite 19 hat der Beginn der Hegel-Kritik Feuerbachs
eine andere Ursache: Denn Feuerbach entdeckt eben diese Ungereimtheiten
vor seiner Tätigkeit als Philosophiehistoriker,
nämlich als er sich mit Hegels Naturauffassung auseinandersetzt.
Hier nimmt Feuerbach den der Hegelschen Philosophie immanenten logischen
Bruch wahr: „Die Ableitung 'des Anderen‘, der Natur,
aus der Logik erscheint ihm unlogisch, denn die Logik 'weiß
aus sich selbst nur von sich, nur vom Denken.‘“ Und
weiter führt der Autor dazu aus: "Nicht
zufällig verfangen sich seine [Feuerbachs - KWF] Zweifel zuerst
(!) an Hegels Naturphilosophie“ [Hervorhebung von mir; KWF]
– und nicht als schon „profilierter“ Philosophiehistoriker.
Der Autor kritisiert also die oben zitierte Einschätzung von
Engels, denn diese sei fatal und „so allgemein gesagt, ist
sie falsch“ (37). Diesen Satz könnte man als
ein vielleicht nicht beabsichtigtes Eingeständnis betrachten.
Wenn also Engels’ Kritik an Feuerbach „so allgemein
gesagt“ falsch ist, hat sie demnach doch einen rationalen
Gehalt.
Welchen Feuerbachschen „Horror“ vor der Geschichte hatte
Engels denn im Auge? Bestimmt nicht Feuerbachs historische Sicht
auf von ihm untersuchte Philosophen, sondern Feuerbachs Enthaltsamkeit
in Bezug auf tagespolitisch bestimmte Geschichte. Aber auch und
gerade Feuerbachs Abstinenz, sich den eigentlichen historischen,
in diesem Falle politischen und ökonomischen Ursachen jeglicher
Religion zuzuwenden. Das muß auch der Autor zugeben, wonach
Feuerbach sich nicht dazu erzogen hat, „wirkliche historische
Ereignisse zu durchdenken. Sie liegen zu dieser Zeit außerhalb
seines Horizonts.“ (81)
Ich bin der Meinung, daß Engels – in Einklang mit Marx
– nichts anderes im Sinn hatte, als er Feuerbachs Abstinenz
in Sachen Geschichte kritisierte.
Ich hatte schon auf Engels hingewiesen, und des Autors Kritik an
diesem. Ohne Engels in allem in Schutz zu nehmen, zeichnet der Autor
doch ein seltsames Bild von diesem. Solange Marx und Engels Feuerbachianer
sind, ist des Autors Umgang mit beiden geradezu herzlich. Sobald
es aber eine kritische Distanz gibt, geht der Autor recht rabiat
vor, besonders gegen Engels. Marx wird dabei fast außen vorgelassen.
Schauen wir uns des Autors Für und Wider in Bezug auf Marx
und Engels an. Solche positiven Formulierungen sind:
-
Marx und Engels verfolgten aufmerksam die Feuerbachsche
Philosophie (74)
-
Engels deutet Feuerbach in der „Heiligen Familie“
als den Philosophen, der vor allen anderen philosophische
Wahrheiten aussprach. Denn Engels schrieb: „Aber wer hat
denn das Geheimnis des 'Systems‘ aufgedeckt? Feuerbach.
Wer hat die Dialektik der Begriffe ... vernichtet? Feuerbach.
Wer hat ... 'den Menschen‘ an die Stelle des
alten Plunders ... gesetzt? Feuerbach und nur Feuerbach.“
(zit. n. S. 75)
-
Marx und Engels sind scharfsinnige Denker (84/85)
All
diese positiven Wertungen gibt der Autor von sich, solange –
ich wiederhole mich – Marx und Engels als Feuerbachianer auftraten.
Aber es gab nun einmal diesen Bruch zwischen Marx/Engels und Feuerbach!
Der Autor versteht es nicht, die tatsächliche Ursache für
diese „Entfremdung“ (75) nachzuweisen.
Ausgangspunkt für des Autors Kritik an Engels ist dessen Schrift
„Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen
Philosophie“. Diese Schrift ist bestimmt mit einer gewissen
Vorsicht zu genießen. Schon Wolfgang Eßbach wies in
seinem Buch (1) auf die „Legendenbildung“ hin, die Engels
dort anstiftete, nämlich als er – interessanterweise
bei dem Versuch, Feuerbach positiv in die Philosophiegeschichte
einzuschreiben – Stirner einzuordnen versucht. Eßbach
schreibt: „Was jedoch Engels in seiner späten Schrift
über Ludwig Feuerbach als Bild der junghegelianischen Fraktionen
zeichnet, ist eine Legende.“ Weiter schreibt er: „In
der rückblickenden Darstellung der junghegelianischen Debatten
unterscheidet Engels zwei Seiten des 'Zersetzungsprozesses der Hegelschen
Schule‘. Er nennt auf der einen Seite den Streit zwischen
Strauß und Bauer über die Frage, 'ob in der Weltgeschichte
die 'Substanz‘ oder das 'Selbstbewußtsein‘ die
entscheidend wirkende Macht sei;‘ und fährt unmittelbar
fort 'schließlich kam Stirner, der Prophet des heutigen Anarchismus
– Bakunin hat sehr viel aus ihm genommen – und übergipfelte
das souveräne »Selbstbewußtsein« durch seinen
souveränen »Einzigen«‘. Demgegenüber
sei die 'Masse der entschiedensten Junghegelianer‘ durch die
praktischen Notwendigkeiten ihrer Religionskritik auf den englisch-französischen
Materialismus zurückgedrängt worden und in Konflikt mit
ihren Schulsystemen geraten. 'Da kam Feuerbachs »Wesen des
Christentums«. Mit einem Schlag zerstäubte es den Widerspruch,
indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron
erhob.‘
Die hier erzeugte Legende besteht darin, daß der Eindruck
erweckt wird, als ende die Bauersche 'Philosophie des Selbstbewußtseins‘
mit Stirner und Feuerbachs Materialismus bilde quasi einen Neuanfang.
Engels siedelt in seiner rückblickenden Darstellung Stirners
'Einzigen und sein Eigentum‘ (1844) vor Feuerbachs
'Wesen des Christentums‘ (1841) an. Vermutlich lag dieser
Umstellung Engels’ Interesse zugrunde, Feuerbachs Materialismus
als die bei weitem progressivste in den historischen Materialismus
mündende Tendenz des Junghegelianismus zu charakterisieren.“
(2)
Des Autors Besorgnis um Engels’ laschen Umgang ist verständlich.
Und jetzt kommen wir zu des Autors negative Bewertungen, die er
jetzt bei Engels findet, die vorher nicht gegeben schienen, als
Engels noch ein „momentaner Feuerbachianer“ war:
-
Engels’ fehlende oder mangelnde Detailkenntnisse in Bezug
auf diverse Feuerbach-Schriften (88)
-
Engels, der unheilvolle Marx-Flüsterer: „es scheint
so, als hätte sich Marx, auch in den späteren Jahren,
etwas zu vertrauensvoll auf die Einflüsterungen seines
Freundes hinsichtlich Feuerbach verlassen“ (88)
-
Engels sei mit dem Phänomen Feuerbach „nie ganz fertig
geworden“ (95)
-
Engels habe eine Berserkerwut in Bezug auf Feuerbach (101)
-
Engels rezipiere Feuerbach aus Sekundär-Literatur (105)
-
Bei Engels gäbe es eine krasse und peinliche Verkennung
Feuerbachs
Da
der Autor mit der Feuerbach-Kritik dieser „scharfsinnigen
Denker“ (84/85) nun selbst nicht ganz klarzukommen scheint,
scheint er dahingehend die Kurve zu kriegen (so denkt er diese inne
zu haben), indem er glaubt feststellen zu müssen, daß
die von Marx und Engels geäußerte Kritik, auch in der
„Deutschen Ideologie“, eher auf die Junghegelianer zutreffe
– so auch auf Stirner –, aber nicht auf Feuerbach. Denn
dem Autor gefällt nicht, daß Marx und Engels Feuerbach
– aus seiner Sicht "umstandslos" – mit den
Junghegelianern auf eine Stufe stellen, weil auch Feuerbach in der
„Deutschen Ideologie“ kritisiert wird.
Nun,
des Autors Unverständnis ist nachvollziehbar, denn Feuerbach
ist mitnichten umstandslos den Junghegelianern zuzuordnen. Aber
wenn er schon dies in Anspruch nimmt, muß man ihm diese Vorgehensweise
gegen Stirner ebenso vorhalten, als er diesen umstandslos den Junghegelianern
zuordnet.
Der Autor mokiert sich also über Marx’ und Engels’
Art des Umgangs mit Feuerbach. Auch bei späteren Ausführungen
über Stirner werden wir sehen können, wie schlampig er
mit Stirner umgeht, also jene Schlampigkeit praktiziert, die er
Engels unterstellt. Hier muß ich dem Autor vorhalten, daß
er Stirner nicht oder nicht im Detail kennt oder diesen nur aus
Sekundärliteratur.
Bevor ich mich aber auf diverse berserkerische Bemerkungen des Autors
Stirner betreffend einlasse, möchte ich auf die Entfremdung
zwischen Marx/Engels einerseits, Feuerbach andererseits eingehen,
auf die der Autor dann schon gebetsmühlenartig hinweist.
In dem Abschnitt über die „Mißverständnisse
um einen Schelling-Text“ spricht der Autor von der sich anbahnenden
Entfremdung zwischen Marx/Engels und Feuerbach. Äußerer
Anlaß scheint ihm ein nicht geschriebener Artikel über
Schelling zu sein, um den sich Marx bei Feuerbach bemühte.
Da aber Feuerbach nichts Neues über Schelling zu schreiben
wußte, sagte er diesen Artikel ab. Marx hatte dafür Verständnis.
Aber der Autor vermutet dennoch darin ein Grund für
den Beginn der Entfremdung. Aber warum soll dies tatsächlich
so gewesen sein? Der Autor bringt hier keine überzeugenden
Argumente an. Dies scheint er zu merken. So macht er jetzt, ganz
unvermittelt, Mentalitätsunterschiede zwischen Marx
und Feuerbach aus und die daraus - seiner Meinung nach - resultierenden
ersten deutlich werdenden substantiellen Differenzen (s. S. 77).
In der Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhhunderts war nach des Autors
Ansicht „ein unmittelbares Eingehen auf die brennenden sozialen
Widersprüche gefragt“. Da Feuerbach diesem aber nicht
in der von Marx und Engels erwarteten Art nachkam, sieht der Autor
darin „eine Ursache des Konflikts zwischen Feuerbach
und den schnell reagierenden Journalistenduo Marx/Engels. Feuerbachs
Arbeitsweise steht so ganz im Gegensatz zur politischen Betriebsamkeit
eines Marx und Engels.“ (79) „Es ist eine Mentalität,
die auf Dauer zu wenig Kontaktflächen gegenüber jenen
des Karl Marx und Friedrich Engels bietet, als daß sie gemeinsame
Kämpfer mit einem Herz und einer Seele hätten werden können.“
(81)
Das Argument mit dem „Mentalitätsunterschied“ ist
nicht überzeugend und daher nicht brauchbar; das ist eher ein
temporäres Problem. Und der Autor bietet, außer der Konstatierung
der unterschiedlichen bis gegensätzlichen Lebensweise, keinen
weiteren Beweis, keinen weiteren Beleg, daß eben dieser Mentalitätsunterschied
wirklich eine Ursache von Entfremdung gewesen sein soll,
die Marx und Engels dazu brachten, über Feuerbach hinaus zu
gehen in Richtung ihres Historischen Materialismus. Die von Engels
später aufgeworfenen Kritikpunkte gegen Feuerbach können
daher für diesen Zeitraum nicht herangezogen werden.
In dem vom Autor anvisierten Zeitpunkt ist es eher so, daß
Feuerbach und Marx sich sehr nahe stehen, als es z.B. um die Deutung
des Schlesischen Weberaufstandes geht. Zwar hat sich Feuerbach dazu
nicht wesentlich geäußert, sich aber in dem Streit zwischen
Marx und Ruge auf die Seite von Marx gestellt. Nachdem also der
Autor in dem vorherigen Kapitel mittels „Mentalitätsunterschiede“
den Beginn einer substantiellen Differenz auszumachen scheint, trifft
diese hier nicht zu, sie ist nicht einmal existent.
Da Feuerbach im Großen und Ganzen die Kritik der Religion
– anders als Marx – für nicht beendet betrachtet
und sich weiterhin auf der mehr erkenntnistheoretischen und psychologischen
Ebene bewegt, kann er nicht – wie der Autor einräumt
– die eigentlichen ökonomischen und sozialen Triebkräfte
der gesellschaftlichen Entwicklung wahrnehmen, auf die sich Marx
und Engels immer mehr zubewegen, aber immer noch auf der philosophischen
Grundlage des Feuerbachschen Gattungsbegriffs.
Und wer immer noch denkt, je weiter wir in diesem Buch vordringen,
das Geheimnis werde bald gelüftet, wie aus der „inhaltlichen
Differenz“ eine Entfremdung wird, der irrt. Denn unvermittelt
– im wahrsten Sinne dieses Wortes – geht der Autor auf
die Feuerbach-Kritik von Marx und Engels in der „Deutschen
Ideologie“ über, ohne auch nur die Frage zu stellen,
wie aus Feuerbachianern, die Ende 1844 noch ihre feuerbachisch beeinflußte
„Heilige Familie“ schreiben, so plötzlich
gegen Feuerbach auftreten konnten. Es sei gleich gesagt:
der Autor verrät uns dies Geheimnis nicht. Wie kann er auch:
er kennt es nicht. Das Geheimnis ist aber offenbar: es heißt
- Max Stirner.
Marx und Engels gaben Ende 1844 ihre „Heilige Familie“
heraus, ein Werk, in dem es noch vor lauter Feuerbach spukt. Anfang
1845 aber kommt es zum Abfall von Feuerbach. Was war geschehen?
Marx und Engels lasen Max Stirners Buch „Der
Einzige und sein Eigentum“.
Engels
war sofort beeindruckt von Stirners Logik und forderte Marx auf,
es Stirner – im Großen und Ganzen – gleich zu
tun: „Und wahr ist daran allerdings das, daß wir erst
eine Sache zu unsrer eigenen, egoistischen Sache machen müssen,
ehe wir etwas dafür thun können. ... Wir müssen vom
empirischen, leibhaftigen Ich ausgehen ... 'Der Mensch‘ ist
immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empirischen Menschen
seine Basis hat. Kurz wir müssen vom Empirismus und Materialismus
ausgehen ...; wir müssen das Allgemeine vom Einzelnen ableiten“.
(3) Die Antwort von Marx an Engels kennen wir nicht, aber aus Engels’
Antwortschreiben wissen wir, daß er sich von seinen früheren
Positionen lossagte. Unabhängig davon kann man aber mit Fug
und Recht sagen, daß die Lektüre des Stirnerschen Buches
Marx und Engels veranlaßte, ihre eigenen Positionen, auch
und gerade in Bezug auf Feuerbach zu überdenken, und Stirners
Kritik zu überbieten (4).
Das tun Marx und Engels nicht nur in der „Deutschen Ideologie“,
sondern Marx im Frühjahr 1845 in seinen Thesen über Feuerbach.
Der Autor siedelt übrigens die Entstehung der Feuerbach-Thesen
im April 1844 (92) an. Nach meinen Kenntnissen sind diese erst ein
ganzes Jahr später geschrieben worden. Denn wären diese
Thesen tatsächlich schon im Frühjahr 1844 geschrieben
worden, hätte sich die "Heilige Familie" entweder
erledigt, oder sie hätte inhaltlich ganz anders ausgesehen.
Das aber war nicht der Fall. Denn wenn die Feuerbach-Thesen, wie
Engels später schrieb, den genialen Keim der neuen Weltanschauung
schon enthielten, wäre also die Schrift „Die heilige
Familie“ das Buch gewesen, in dem die Grundlegung
des historischen Materialismus vorgenommen worden wäre.
Es ist schon seltsam, daß der Autor – wohl aus Unkenntnis
Stirners – das Feuerbach-Kapitel der „Deutschen Ideologie“
als „das wichtigste“ (87) ansieht. Wenn wir uns aber
vor Augen halten, daß das Stirner-Kapitel nahezu Dreiviertel
des ganzen Buches ausmacht, so muß diese Annahme des Autors
in Zweifel gezogen werden. Wichtig mag das Feuerbach-Kapitel insoweit
sein, weil darin am Konzentriertesten die Grundlegung des historischen
Materialismus erfolgte, aber der Entstehung des Feuerbach-Kapitels
ging das Schreiben des Stirner-Kapitels voraus. Denn die Frage sei
erlaubt, warum das Feuerbach-Kapitel – quantitativ gesehen
– so mager ausfiel, dagegen das Stirner-Kapitel so umfangreich
wurde. Die Erklärung ist darin zu finden, daß Marx und
Engels von Stirner so stark verunsichert wurden, daß sie in
ihm die größere Gefahr wahrnahmen, insistierte doch –
wie Eßbach ausführte – Stirner auf einen ganz anderen
Materialismus, als Marx und Engels ihn ausarbeiteten: nämlich
auf einen Materialismus des Selbst, Marx dagegen auf einen
Materialismus der Verhältnisse – mit all den
von Eßbach genannten Folgen und Konsequenzen: „Anfängliche
Vermutungen haben sich im Laufe der Untersuchungsarbeit zu der Überzeugung
verdichtet, daß wesentliche Schwachstellen der Marxschen Theorie,
die gegenwärtig theoretisch wie praktisch zu neuralgischen
Punkten geworden sind, in einem engen systematischen wie genetischen
Zusammenhang mit der Kontroverse zwischen Stirner, Marx und Engels
stehen. Es sind dies innerhalb des Marxismus: 1. das Problem der
Subjektivität, 2. das Problem der politischen Macht, und 3.
das Problem der 'historisch notwendigen‘ gesellschaftlichen
Entwicklungsrichtung.“ (5)
Es
ist nach wie vor so, daß die Rolle Stirners bei der Herausbildung
des historischen Materialismus von der akademischen und universitären
Philosophie entweder geleugnet oder ausgeblendet wird (Eßbach
bildet hier eine Ausnahme).
Da der Autor Stirner entweder nicht kennt oder nicht begriffen hat,
wundert es nicht, daß seine Einschätzungen in Bezug auf
Stirner sowohl an seiner Person als auch an seiner Philosophie völlig
vorbei gehen. Einige solcher Einschätzungen seien kurz genannt:
- „dem
auf die Spitze getriebenen Egoismus des Stirnerschen Einzelnen“
(hier übernimmt der Autor unkritisch die Engelssche Formulierung
in dessen Brief an Marx) (88)
-
Da der Autor in diesem Zusammenhang Engels eine Fehldeutung
des Feuerbachschen Menschenbildes unterstellt, tut er dies indirekt
auch bei Stirner, denn Engels bezieht sich ja explizit auf Stirners
Kritik an Feuerbachs Auffassung vom Menschen (88)
-
Marx und Engels mokierten sich über die „neuere“
junghegelsche Philosophie und meinten damit die „gegenseitigen
Streitereien der 'Kritik‘, des 'Menschen‘ und des
'Einzigen‘. … Diese Streitigkeiten haben wahrhaftig,
vor allem seitens Bauer und Stirner, so zänkisch und sophistisch
stattgefunden, wie sie die Autoren [Marx/Engels; KWF] schildern“.
(88) Der Autor ärgert sich aber darüber, daß
Marx und Engels Feuerbach auf eine Stufe mit Bauer und Stirner
stellen.
-
Neben Strauß und Bauer habe auch Stirner nicht „aus
der Geistnatur“ (98) herausgefunden [der Autor möge
jene Stellen bei Stirner nachlesen und wird feststellen, daß
Stirner sehr wohl einen materialistischen Standpunkt vertrat].
-
Stirner vertrete einen Nihilismus, dem Feuerbach nicht zusage.
-
Stirner vertrete einen extremen Individualismus (117); in diesem
Zusammenhang zitiert der Autor aus einem Brief Feuerbachs an
Otto Wigand, wonach (auch) Stirner Teil eines Gelehrten- und
Lumpenpacks sei, mit dem Feuerbach nichts zu tun haben wolle.
-
Stirner habe egozentrische Anwandlungen.
-
Stirner komme nicht von vom kategorialen Denken à la
Hegel los. – Hier sei eingefügt, daß der Autor
nichts davon weiß, daß Stirner sehr wohl –
wie Feuerbach ebenso – sich gegen Hegel stellte und dessen
philosophisches System nicht nur kritisierte, sondern auch hinter
sich ließ. Für den Autor trifft das zu, was er z.B.
Engels vorwirft in Bezug auf dessen Umgang mit Feuerbach: hat
Engels Feuerbach gelesen, dann hat er ihn nicht verstanden.
Das müssen wir auch bei diesem Autor annehmen.
-
Stirners Buch sei ein „egozentrisches Pamphlet“
(313)
Diese
Art des Umgangs mit Stirner weist den Autor als einen Menschen aus,
der, wenn es seiner Sache dient – das ist ein sehr egoistisches
Motiv, jedoch nicht im Stirnerschen Sinne – mächtig überzieht,
wenn es darum geht, sein Kind „Feuerbach“ ins rechte
Licht zu rücken.
Zum Schluß noch einige Bemerkungen zu Feuerbachs Verhältnis
zu Stirner. Wenn – um den Intentionen des Autors in seinem
Umgang mit Stirner zu folgen – Stirner so wichtig nicht war,
so fragt es sich, warum zum einen Marx/Engels sich so intensiv mit
Stirners Buch auseinandersetzten; und es darf gefragt werden, warum
Feuerbach es ebenfalls tat.
Wenn Feuerbach sich „tagespolitisch“ äußerte,
so erst dann, wenn es keinen „Mangel an innerer Nötigung“
(76) gab. Feuerbach muß das Stirnersche Buch demnach als sehr
wichtig empfunden haben, um darauf einzugehen.
Interessant an der Feuerbachschen Kritik an Stirner ist dessen schwache
Replik, eines der schwächsten Aufsätze, die er je geschrieben.
Selbst der Autor muß konstatieren, daß Feuerbach in
dieser Kritik „noch mit gattungsmäßigen Beziehungen“
(316) die menschliche Dualität zu erklären sich bemüht,
also tatsächlich keinen philosophischen Fortschritt gegenüber
Stirner aufweisen konnte.
Der anfänglich positive Eindruck, den Feuerbach von Stirner
erhalten hat, sei aber nur von kurzer Dauer gewesen, denn Feuerbach
habe sich letztendlich an Stirners Äußerungen zum Eigennutz
gestoßen und diese abgelehnt. Hier sei zugunsten Feuerbachs
unterstellt, daß er den darin enthaltenen Egoismus-Begriff
Stirners wortwörtlich nimmt (wie auch Heß in seiner Stirner-Kritik)
und daher falsch interpretiert. Vorzuwerfen ist Feuerbach aber zugleich,
daß er dann zu Unrecht Stirner ablehnte. Aber wir wissen,
daß Feuerbach sehr wohl ein ambivalentes Verhältnis zum
Egoismus hatte. Später schreibt Feuerbach von diversen, die
Menschen antreibenden Egoismen, in denen z.B. Lenin Ansätze
des historischen Materialismus sah (ergo indirekt auch Ansätze
des historischen Materialismus bei Max Stirner).
Feuerbach fokussiert sich in seiner Stirner-Kritik auf die Beziehung
des Ich zum Du, aber diese dergestalt nur auf die Dimension des Abhängigkeitsgefühls
reduziert (über das sich Engels so ärgerte), so daß
der auf Feuerbach eingeschworene Autor einräumen muß,
daß Feuerbachs Vorgehensweise „freilich nicht akzeptabel“
sei. (313) Aber in diesem Zusammenhang einzuräumen, daß
die Feuerbachsche Stirner-Kritik an dessen Werk vorbeigeht, wie
andere Feuerbachianer dies einräumten, das zuzugeben scheut
sich der Autor. Er spricht dagegen in diesem Zusammenhang von
einem „Kurzschluß“ (313)! In einer anderen Dimension
wäre ein solcher „Kurzschluß“ mit einem „Betriebsunfall
der Geschichte“ vergleichbar, was so viel bedeutet, daß
Feuerbachs Problem in seinem eigenen Umgang mit Stirner liegt.
Feuerbach erleidet seinen „Kurzschluß“, weil der
elektrische Stromstoß namens Stirner so tief in ihm eindrang,
daß er Stirner nichts Wesentliches, nichts Substantielles
entgegensetzen konnte.
Es
ließen sich noch einige andere Schwächen im Buch nachweisen,
so des Autors Problem im Umgang sowohl mit Jahreszahlen als auch
mit Namen. Das Manifest der Kommunistischen Partei wurde seiner
Meinung nach schon 1843 geschrieben (120), der 20. Parteitag der
KPdSU fand erst 1961 statt und nicht schon 1956, und aus Prof. Harry
Nick macht er Prof. Harry Nickel.
Insgesamt ist das Buch trotz dieser hier ausführlich aufgezeigten
Mängel (insbesondere was die Rolle Max Stirners betrifft) ein
sehr lesbares Buch und bietet interessante Ansatzpunkte für
das Verstehen historischer wie zeitgenössischer Religionen,
seien sie säkular oder nicht.
Leipzig,
1.2.2007
(1)
Gegenzüge. Der Materialismus des Selbst und seine Ausgrenzung
aus dem Marxismus – eine Studie über die Kontroverse
zwischen Max Stirner und Karl Marx“, Frankfurt am Main 1982,
S. 40
(2) A.a.O., S. 40/41
(3) Zit. nach Recensenten Stirners. Mit einer Einleitung von Bernd
Kast. Stirneriana 24, Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig 2003, S.
IX
(4) Wolfgang Eßbach, Gegenzüge…, S. 72/73
(5) A.a.O., S. 8/9 |