Max Stirner
Gegründet am 22. Juni 2002 in Hummeltal bei Bayreuth
Bernd Kast Zurück - Startseite
Die existenzielle Dimension von Stirners Philosophie
Giorgio Penzo „Die existentielle Empörung. Max Stirner zwischen Philosophie und Anarchie“ (Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u.a. 2006).

Nur wenige Publikationen beschäftigen sich ernsthaft mit Stirner als Philosophen. Dazu gehören der Literaturwissenschaftler Kurt Adolf Mautz mit seiner 1936 erschienenen Dissertation „Die Philosophie Max Stirners im Gegensatz zum Hegelschen Idealismus“ (nicht jedoch der nach wie vor in Nachschlagewerken genannte nazifreundliche Wilhelm Cuypers mit seiner 1937 erschienen Dissertation) und Henri Arvon mit seinem 1957 erschienenen Buch „Aux sources de l’existentialisme: Max Stirner; dazu gehören aber auch wenige Philosophen, wie etwa Eduard von Hartmann, Martin Buber und Albert Camus.
Die einseitige Zuordnung Stirners zum Anarchismus bzw. Vereinnahmung durch den Anarchismus haben eine Würdigung Stirners als Philosophen wenn nicht völlig verhindert, so doch sehr erschwert.
1971 erschien die erste, 1980 die zweite unveränderte (bis auf nach 1971 erschienene Literatur) Auflage von „Max Stirner. La rivolta esistenziale“ von Giorgio Penzo, der an der Universität von Padua Philosophie lehrte und neben Stirner vor allem mit Publikationen über Nietzsche, Jaspers, Gogarten und Heidegger hervorgetreten ist. Dieses Buch über einen radikalen Atheisten erscheint 2006 rechtzeitig zum Stirner-Gedenkjahr in deutscher Übersetzung in den „Würzburger Studien zur Fundamentaltheologie“ – unverändert, bis auf 13 seit 1980 erschienene Publikationen, unter philosophischem Gesichtspunkt allerdings nicht alle gleichermaßen wichtig.
Wie rechtfertigt Penzo, was rechtfertigt überhaupt eine solche Publikation in unveränderter Form 35 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen?
Penzo hält Stirner „für einen Propheten unserer Zeit“, er sei „ein aktueller Denker“, der als erster „Vertreter einer neuen existentiellen Seinsphilosophie“ ein Vorläufer von Nietzsche, Jaspers und Heidegger gewesen sei. Stirner nehme „bezüglich der ontisch-ontologischen Differenz die extremste Position ein, die von Sokrates bis in unsere Zeit jemals ein Denker vertreten hat“.
Das Buch ist übersichtlich in drei Teile gegliedert:
• Eine historisch-kritische Hinführung. Sie umfasst im Wesentlichen die Punkte Stirner als Anarchist, eine philosophische Bibliographie von 1845 bis 1970 (1980), Feuerbach, Hess, Marx und Engels, die existenzielle Dimension in Bezug auf Stirner bei Buber und Camus.
• Die ontologisch-existenzielle Dimension des Egoismus, nämlich Egoismus und Sein, Wahrheit und Freiheit einerseits, Egoismus und Dialektik, Ethik und der Tod Gottes andererseits.
• Egoismus und Verein mit den Schwerpunkten Liberalismus und Sozialwesen.
Listenreich gelingt es Penzo, mit dem Vokabelarsenal des Existenzialismus Stirners Philosophie als Ontologie zu beschreiben. Penzo greift dabei einige wenige Sätze von Stirner auf, setzt sie geschickt in Bezug zueinander, um diese Seinsthematik zu veranschaulichen.
Der Satz Stirners „Ich bin Mensch und bin zugleich mehr als Mensch, d.h. ich bin das Ich dieser meiner bloßen Eigenschaft“ interpretiert Penzo so, dass das Ich dadurch mehr ist als der Mensch, weil es gleichzeitig sein Eigentum ist, seine Eigenschaft. Dadurch gründe es „in einem Horizont des Seins als Eigentum“. Mit dieser Begründung kann Penzo behaupten, Sein und Eigentum (Ich) seien bei Stirner identisch.
Berücksichtige man, dass Stirner das in der Geschichte immer wieder gesuchte mysteriöse Wesen Mensch (gefunden einmal als Gott: bei Feuerbach, dann als Mensch: bei Bauer) im Einzelnen, Endlichen, Einzigen gefunden habe, um seine ontologische Freiheit zu erlangen, so impliziere das „Mehr als Mensch“ die Problematik vom Tode Gottes. Beide, die Thematik vom Tode Gottes und die des Seins als Eigentum seien auf diese Weise unzertrennlich miteinander verwoben.
Konsequent vor diesem ontolgischen Hintergrund entwickle Stirner auch sein Konzept der Wahrheit, das als Wahr-Sein ein ebenso zentraler Teil seiner Ontologie sei wie seine Ethik: Stirner lehnt alle Wahrheiten über sich ab, alle Wahrheiten unter ihm sind ihm willkommen. Stirner lehnt alle moralischen Gebote ab, für ihn gibt es weder gut noch böse.
Das sind kühne philosophische Konstruktionen, die dadurch an Brisanz gewinnen, dass Penzo immer wieder durch Rückgriff auf Denkkategorien von Nietzsche, mehr noch von Jaspers und Heidegger die ontologisch-existenzielle Dimension in Stirners Denken weiter zu erhellen versucht. Über die heuristische Legitimation eines solchen Vorgehens kann man streiten. Auch über einzelne Aussagen Penzos. Es besteht aber kein Zweifel, dass sich das Buch einreiht in die wenigen wichtigen philosophischen Interpretationen Stirners, denn auch das kann Penzo überzeugend dartun: Der Anarchismus Stirners ist zwar ständig greifbar, er ist aber nur „ein Seitenthema seines Denkens“.
Leider enthält das Buch zahlreiche Fehler und Widersprüche, alte noch aus dem italienischen Original, zu denen sich neue gesellen in der hier besprochenen Übersetzung.
So verwechselt Penzo in der Korrespondenz von Engels und Marx über Stirners „Einzigen und sein Eigentum“ zwischen November 1844 und Januar 1845 im letzten Brief vom 20. Januar 1845 Marx mit Engels und umgekehrt: Marx teilte nämlich ganz und gar nicht die Stirner-Euphorie von Engels, sondern hat ihm in einem nicht erhaltenen Brief offensichtlich kräftig widersprochen. An anderer Stelle meint Penzo, Bauer habe Stirner in seinen Schriften merkwürdigerweise nie erwähnt, zitiert dann aber wiederholt Bauers „Charakteristik Ludwig Feuerbachs“, in der sich Bauer kenntnisreich und bei aller Kritik verständnisvoll mit Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“ auseinandersetzt., usw.
In der deutschen Fassung verwirren und stören eine eigenwillige Zeichensetzung, viele Druckfehler und eine stellenweise unverständliche Übersetzung. Ärgerlich ist das sklavische Festhalten der Übersetzerin am italienischen Original: Da ist die Rede von einem „vor kurzem erfolgten Nachdruck“ mit der Jahreszahl 1969; auf Deutsch erschienene Titel werden in italienischer Übersetzung zitiert; bei englischen Publikationen wird statt auf die deutsche auf die italienische Übersetzung verwiesen usw.
Hier rächt sich, wenn Verlage glauben, auf jegliche Lektorierung verzichten zu können.
Letztendlich sind das aber ärgerliche Details. Das Buch von Penzo ist wichtig: originell, spannend, lehrreich und fordert zur Kritik heraus. Damit hebt es sich wohltuend von der meist oberflächlichen und überflüssigen Sekundärliteratur über Stirner ab, die besser ungeschrieben geblieben wäre, weil sie der Stirnerrezeption nicht förderlich ist.

Quelle: Der Einzige. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Heft 3/4 (35/36) 2006, S. 55-57