Die
existenzielle Dimension von Stirners Philosophie
Giorgio Penzo „Die existentielle Empörung. Max Stirner
zwischen Philosophie und Anarchie“ (Peter Lang, Europäischer
Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u.a. 2006). Nur
wenige Publikationen beschäftigen sich ernsthaft mit Stirner
als Philosophen. Dazu gehören der Literaturwissenschaftler
Kurt Adolf Mautz mit seiner 1936 erschienenen Dissertation „Die
Philosophie Max Stirners im Gegensatz zum Hegelschen Idealismus“
(nicht jedoch der nach wie vor in Nachschlagewerken genannte nazifreundliche
Wilhelm Cuypers mit seiner 1937 erschienen Dissertation) und Henri
Arvon mit seinem 1957 erschienenen Buch „Aux sources de l’existentialisme:
Max Stirner; dazu gehören aber auch wenige Philosophen, wie
etwa Eduard von Hartmann, Martin Buber und Albert Camus.
Die einseitige Zuordnung Stirners zum Anarchismus bzw. Vereinnahmung
durch den Anarchismus haben eine Würdigung Stirners als Philosophen
wenn nicht völlig verhindert, so doch sehr erschwert.
1971 erschien die erste, 1980 die zweite unveränderte (bis
auf nach 1971 erschienene Literatur) Auflage von „Max Stirner.
La rivolta esistenziale“ von Giorgio Penzo, der an der Universität
von Padua Philosophie lehrte und neben Stirner vor allem mit Publikationen
über Nietzsche, Jaspers, Gogarten und Heidegger hervorgetreten
ist. Dieses Buch über einen radikalen Atheisten erscheint 2006
rechtzeitig zum Stirner-Gedenkjahr in deutscher Übersetzung
in den „Würzburger Studien zur Fundamentaltheologie“
– unverändert, bis auf 13 seit 1980 erschienene Publikationen,
unter philosophischem Gesichtspunkt allerdings nicht alle gleichermaßen
wichtig.
Wie rechtfertigt Penzo, was rechtfertigt überhaupt eine solche
Publikation in unveränderter Form 35 Jahre nach ihrem ersten
Erscheinen?
Penzo hält Stirner „für einen Propheten unserer
Zeit“, er sei „ein aktueller Denker“, der als
erster „Vertreter einer neuen existentiellen Seinsphilosophie“
ein Vorläufer von Nietzsche, Jaspers und Heidegger gewesen
sei. Stirner nehme „bezüglich der ontisch-ontologischen
Differenz die extremste Position ein, die von Sokrates bis in unsere
Zeit jemals ein Denker vertreten hat“.
Das Buch ist übersichtlich in drei Teile gegliedert:
• Eine historisch-kritische Hinführung. Sie umfasst im
Wesentlichen die Punkte Stirner als Anarchist, eine philosophische
Bibliographie von 1845 bis 1970 (1980), Feuerbach, Hess, Marx und
Engels, die existenzielle Dimension in Bezug auf Stirner bei Buber
und Camus.
• Die ontologisch-existenzielle Dimension des Egoismus, nämlich
Egoismus und Sein, Wahrheit und Freiheit einerseits, Egoismus und
Dialektik, Ethik und der Tod Gottes andererseits.
• Egoismus und Verein mit den Schwerpunkten Liberalismus und
Sozialwesen.
Listenreich gelingt es Penzo, mit dem Vokabelarsenal des Existenzialismus
Stirners Philosophie als Ontologie zu beschreiben. Penzo greift
dabei einige wenige Sätze von Stirner auf, setzt sie geschickt
in Bezug zueinander, um diese Seinsthematik zu veranschaulichen.
Der Satz Stirners „Ich bin Mensch und bin zugleich mehr als
Mensch, d.h. ich bin das Ich dieser meiner bloßen Eigenschaft“
interpretiert Penzo so, dass das Ich dadurch mehr ist als der Mensch,
weil es gleichzeitig sein Eigentum ist, seine Eigenschaft. Dadurch
gründe es „in einem Horizont des Seins als Eigentum“.
Mit dieser Begründung kann Penzo behaupten, Sein und Eigentum
(Ich) seien bei Stirner identisch.
Berücksichtige man, dass Stirner das in der Geschichte immer
wieder gesuchte mysteriöse Wesen Mensch (gefunden einmal als
Gott: bei Feuerbach, dann als Mensch: bei Bauer) im Einzelnen, Endlichen,
Einzigen gefunden habe, um seine ontologische Freiheit zu erlangen,
so impliziere das „Mehr als Mensch“ die Problematik
vom Tode Gottes. Beide, die Thematik vom Tode Gottes und die des
Seins als Eigentum seien auf diese Weise unzertrennlich miteinander
verwoben.
Konsequent vor diesem ontolgischen Hintergrund entwickle Stirner
auch sein Konzept der Wahrheit, das als Wahr-Sein ein ebenso zentraler
Teil seiner Ontologie sei wie seine Ethik: Stirner lehnt alle Wahrheiten
über sich ab, alle Wahrheiten unter ihm sind ihm willkommen.
Stirner lehnt alle moralischen Gebote ab, für ihn gibt es weder
gut noch böse.
Das sind kühne philosophische Konstruktionen, die dadurch an
Brisanz gewinnen, dass Penzo immer wieder durch Rückgriff auf
Denkkategorien von Nietzsche, mehr noch von Jaspers und Heidegger
die ontologisch-existenzielle Dimension in Stirners Denken weiter
zu erhellen versucht. Über die heuristische Legitimation eines
solchen Vorgehens kann man streiten. Auch über einzelne Aussagen
Penzos. Es besteht aber kein Zweifel, dass sich das Buch einreiht
in die wenigen wichtigen philosophischen Interpretationen Stirners,
denn auch das kann Penzo überzeugend dartun: Der Anarchismus
Stirners ist zwar ständig greifbar, er ist aber nur „ein
Seitenthema seines Denkens“.
Leider enthält das Buch zahlreiche Fehler und Widersprüche,
alte noch aus dem italienischen Original, zu denen sich neue gesellen
in der hier besprochenen Übersetzung.
So verwechselt Penzo in der Korrespondenz von Engels und Marx über
Stirners „Einzigen und sein Eigentum“ zwischen November
1844 und Januar 1845 im letzten Brief vom 20. Januar 1845 Marx mit
Engels und umgekehrt: Marx teilte nämlich ganz und gar nicht
die Stirner-Euphorie von Engels, sondern hat ihm in einem nicht
erhaltenen Brief offensichtlich kräftig widersprochen. An anderer
Stelle meint Penzo, Bauer habe Stirner in seinen Schriften merkwürdigerweise
nie erwähnt, zitiert dann aber wiederholt Bauers „Charakteristik
Ludwig Feuerbachs“, in der sich Bauer kenntnisreich und bei
aller Kritik verständnisvoll mit Stirners „Der Einzige
und sein Eigentum“ auseinandersetzt., usw.
In der deutschen Fassung verwirren und stören eine eigenwillige
Zeichensetzung, viele Druckfehler und eine stellenweise unverständliche
Übersetzung. Ärgerlich ist das sklavische Festhalten der
Übersetzerin am italienischen Original: Da ist die Rede von
einem „vor kurzem erfolgten Nachdruck“ mit der Jahreszahl
1969; auf Deutsch erschienene Titel werden in italienischer Übersetzung
zitiert; bei englischen Publikationen wird statt auf die deutsche
auf die italienische Übersetzung verwiesen usw.
Hier rächt sich, wenn Verlage glauben, auf jegliche Lektorierung
verzichten zu können.
Letztendlich sind das aber ärgerliche Details. Das Buch von
Penzo ist wichtig: originell, spannend, lehrreich und fordert zur
Kritik heraus. Damit hebt es sich wohltuend von der meist oberflächlichen
und überflüssigen Sekundärliteratur über Stirner
ab, die besser ungeschrieben geblieben wäre, weil sie der Stirnerrezeption
nicht förderlich ist.
Quelle:
Der Einzige. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig,
Heft 3/4 (35/36) 2006, S. 55-57 |